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Jahrestagung 2004 |
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Die beiden Vorsitzenden des Arbeitskreises Jürgen Schweikart und Thomas Kistemann haben zum dritten Mal diesmal gemeinsam mit der Arbeitsgruppe Räumliche Statistik der Deutschen Regionen, vertreten durch Johannes Dreesman und Christoph Staubach, nach Remagen in das gemütliche Haus Humboldstein geladen. Mit 32 Referenten und Gästen aus Deutschland, der Schweiz und Russland gelang eine umfassende Schau des Leitthemas „Geodaten: Mehrwert für die Gesundheit“. Im Eröffnungsreferat „Geodaten im Gesundheitswesen“ stellte Thomas Beissel, Infas GEOdaten, Bonn, das Infas DataWherehouse vor und konnte sofort in reger Diskussion das Interesse an den überraschend genauen Bussiness- und Consumer-Adressen der Infas Marktdaten wecken. Dass Geodaten auch in der Medizinischen Geographie und in der Räumlichen Statistik heiß begehrt sind, zeigte sich in den folgenden sechs Sitzungen „Gesundheitsversorgung“, „Geodaten in der Gesundheit“, „Infektionskrankheiten I und II“, „Ökologie der Gesundheit“ und „Gesundheit und Sozialstruktur“. Um darzulegen, wie umfassend die Geodaten in der Gesundheitsforschung als Grundlagen dienen, deckten die Vortragsthemen auch einen breiten Bereich der Medizinischen Geographie ab. Für all diese Forschungsfragen kommen verschiedene qualitative und quantitative Methoden zum Einsatz, wobei die Anwendung der Geographischen Informationssysteme sicher einen Schwerpunkt bildet. Herr Martin Hausmann, als Vertreter von ESRI Deutschland, die die Durchführung der Veranstaltung dankenswerterweise unterstützte, zeigte großes Interesse und bewertete eine weitere Kooperation im Bereich der Medizinischen Geographie sehr positiv. Sitzung A: Gesundheitsversorgung, Moderation Thomas Kistemann Die Gesundheitsversorgung ist in Forschung und praktischer Anwendung direkt auf Geodaten angewiesen. Ron Pritzkuleit zeigte anhand einer mehrjährigen Studie zur Situation der medizinischen Versorgung von Patienten mit Mammakarzinom, Prostatakarzinom und malignem Melanom der Haut auf, wie das Studienkollektiv mit Hilfe der Bestandsdaten des Krebsregisters rekrutiert wird. Wie sich der kommende Mangel an Landärzten auf die Gesundheitsversorgung in den Landkreisen Saalfeld-Rudolstadt und Saale-Orla in Sachsen-Anhalt auswirkt, analysierte Kathrin Kraft. GIS basiert untersuchte sie die kleinräumige vertragsärztliche Versorgungssituation und anhand von Experteninteviews arbeitete sie institutionelle und inhaltliche Grundlagen einer Zusammenarbeit zwischen gesundheitspolitischen Akteuren und Vertretern der fachübergreifenden Planungsseite heraus. Katrin Turger steht eine standardisierte schriftliche Erhebung aus vier ungarischen Zahnarztpraxen als Patientenbefragung sowie mehrere im August 2004 geführte Expertengespräche zur Verfügung, um den Zahnarzttourismus nach Ungarn genauer unter die Lupe zu nehmen. Sitzung B: Geodaten in der Gesundheit, Moderation Thomas Kistemann In Kooperation mit dem Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung und der spanischen Universität Lleida wird eine historisch-administrative Geodatenbank aufgebaut. Deren Anwendungsperspektiven in die Medizinische Geographie wurden von Jonas Pieper und Jürgen Schweikart vorgestellt. Eine historisch-administrative Geodatenbank für Europa von 1871 bis 2000 soll entstehen, die bis auf den heutigen Level NUTS2 ein hilfreiches Werkzeug für regionale Gesundheitsanalysen sein kann. In einem weiteren Referat besprach Ron Pritzkuleit die Vollzähligkeit der Erfassung von Krebsregisterdaten und zeigte anhand des Beispiels Hamburger Randgebiet die Schwierigkeiten der Erhebung im Grenzbereich eines Registers auf. Jutta Grohmann möchte das gesundheitswirtschaftliche Clusterkonzept mit GIS verquicken und sucht Daten zu räumlichen Konzentrationen und Netzwerken von Unternehmensstandorten einer vordefinierten Wertschöpfungskette im Gesundheitswesen. Sitzung C: Infektionskrankheiten I, Moderation Ron Pritzkuleit Johannes Dreesman berichtete über eine ökologische Studie, in der die Assoziation zwischen der Vieh- bzw. Rinderdichte und der EHEC/HUS-Inzidenz untersucht wurde. Ihm standen regionale Daten aus Niedersachsen zur Verfügung. Mathias Hofmann stellte ein stochastisches Modell zur Analyse von Überwachungsdaten von Infektionskrankheiten vor. In einer prospektiven epidemiologischen Studie zur Verbreitung von Legionellosen wurden im Zeitraum eines Jahres im Einzugsgebiet eines Klinikums in Brandenburg der Legionella-pneumophila-Serostatus der Klinikumspatienten zum Zeitpunkt ihrer Aufnahme sowie mögliche Risikofaktoren für Legionella-Infektionen ausserhalb des Klinikums erfasst und analysiert. Ina Stalleicken machte in ihrem Vortrag auch auf den Arbeitsaufwand der Geocodierung von Patientendaten aufmerksam. Als „Humanmedizin-Geographen“ können wir wohl neidisch auf das Tierseuchennachrichtensystem (TSN) und das Überwachungssystem zur epidemiologischen Situation der Schweinepest bei Wildschweinen in Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Luxemburg und Deutschland sein! Christoph Staubach vermochte gerade am Beispiel der Einzeltier-basierten Surveillance-Datenbank zur Schweinepest eindrücklich die Möglichkeiten eines internet-realisierten GIS-Projekts aufzuzeigen. Sitzung D: Infektionskrankheiten II, Moderation Christoph Staubach Johannes Dreesman stellte des Weiteren eine Analyse einer heterogenen regionalen Verteilung gemeldeter Kryptosporidiosen in Niedersachsen vor und wog realen Effekt und diagnostischen Bias gegeneinander ab. Alexandra Wieland beschäftigte sich in ihrer Diplomarbeit mit raumzeitlicher Variabilität von Niederschlägen als möglicher Auslöser wasserbürtiger Durchfallserkrankungen am Beispiel des Regierungsbezirks Köln. Ihr standen einerseits die täglichen Niederschlagswerte an 42 Stationen des Deutschen Wetterdienstes über einen Zeitraum von 50 Jahren, andererseits die Wochenmeldungen der „Enteritis infectiosa übrige Formen“ (1990-2000) für das Bundesland NRW und den Regierungsbezirk Köln (1997-2000) zur Verfügung. Bernhard Bornhofen sprach über Infektionskrankheiten und ihre kartografischen Darstellungen in Rheinland-Pfalz. Probleme treten hier besonders bezüglich der raum-zeitlichen Gliederung politischer Einheiten auf, was dann auch Analyse und Darstellung von Infektionskrankheiten in einfachen GIS- und Epi-Programmen erschwert. Andrea Rechenburg berichtete über das Projekt SANSED in Vietnam, welches die Schließung landwirtschaftlicher Nährstoffkreise über hygienisch unbedenkliche Substrate aus dezentralen Wasserwirtschaftssystemen erforscht. Seit Frühjahr 2003 werden dazu im Untersuchungsgebiet, der Provinz Can Tho im Mekong Delta, Wasser, Kompost und Sedimente auf Indikatorbakterien und Salmonellen, seit Oktober 2003 auch auf Wurmeier, untersucht. Zudem wurden Personen aus 218 Haushalten zum Auftreten von Durchfallerkrankungen sowie zur Aufbereitung und zum Genuss von Trinkwasser befragt. Sitzung E: Ökologie der Gesundheit, Moderation Johannes Dreesman Thomas Classen wird in seiner Dissertation „Naturschutz und Gesundheitsschutz: Potentiale einer neuen Strategie“ Handlungsträger des Naturschutzes und des Gesundheitsschutzes auf internationaler bis lokaler Ebene befragen, um ein Stimmungsbild erwarteter Kommunikationsbarrieren zu erhalten. Anna Sanner untersuchte in ihrer Medizin-Geographischen Analyse des Landes Brandenburg 14 Landkreise und vier kreisfreie Städte des Landes Brandenburg bezüglich Mortalität und Morbidität der Infektions- und Herzkreislaufkrankheiten sowie Krankheiten der Atemwege und Krebserkrankungen. Frauke Ulber schloss diese Sitzung mit einem stimmungsvollen Vortrag zur Trinkwasserversorgung als Schlüsselfaktor für die sozioökonomische Entwicklung eines Trockenraumes am Beispiel der Kanareninsel Lanzarote. Sitzung F: Gesundheit und Sozialstruktur, Moderation Jürgen Schweikart Die Schweizerische Gesundheitsbefragung 1997 mit 13 000 telefonischen und schriftlichen Interviews bildet die Datengrundlage für das Projekt „Gesundheitslandschaften der Schweiz“. Charis Keller-Lengen untersuchte mit einem multiskalierenden statistischen Verfahren verschiedene Schweizer Raumtypen bezüglich des gesundheitlichen Wohlbefindens. Tim Tenelsen und Carsten Butsch stellten Überlegungen zu möglichen Ursachen für räumliche Disparitäten bei der medizinischen Notfallversorgung an. Die Datennutzung eines Unternehmens aus dem Marketingbereich (microm) ermöglicht ihnen eine sozialräumliche Analyse in Verbindung mit den umfassenden Einsatzdaten der zentralen Leitstelle der Bundesstadt Bonn. Christiane Noë stellte in ihrem Abschlussreferat die quantitative und qualitative Datenerhebung zur Einschätzung von und zum Umgang mit Gesundheitsrisiken am Beispiel von städtischen Armutsgruppen in Colombo, Sri Lanka, vor. Verschiedene Methoden wie strukturierte und halbstrukturierte Haushaltsbefragungen, Interviews mit Schlüsselpersonen, Tiefeninterviews mit wichtigen Repräsentanten ausgewählter Haushalte mit unterschiedlich ausgeprägten Risikoportfolios, Anwendung so genannter „Social Capital assessment Tools“ bis hin zu partizipativen Erhebungsmethoden aus dem Bereich der „Participatory Rural/Urban Appraisal“ (PRU/PUA) wurden in dieser Studie angewandt. Wie aus diesen vielfältigen Sitzungsthemen ersichtlich, sind auch die Datengrundlagen äusserst unterschiedlich. Bezüglich der zur Erforschung der Gesundheit verwendeten Geodaten sind jedoch immer wieder Gemeinsamkeiten feststellbar. So wären eigentlich immer genaue Raumkoordinaten wünschenswert. Nur stellen sich diesbezüglich dem innovativen Forscher meist erhebliche Schwierigkeiten in den Weg. Einerseits ist aus Datenschutzgründen ein Anbinden von nicht-aggregierten Raumdaten an gesundheitsrelevante Personendaten sowie die Analyse und Interpretation dieser Daten schwierig, andererseits haben sich historisch-administrative Grenzen immer wieder verschoben, und deshalb ist eine raumzeitliche Analyse von aggregierten Gesundheits- und Geodaten ebenfalls nicht einfach. Deshalb sollte der privatwirtschaftliche Aufbau von Geodatenbanken wie jene von infas, micom, con terra GmbH u.a., aber auch bundesweite Projekte wie das Informations- und Kooperationsforum für Geodaten des ZGDV e.V. oder e-geo.ch, die einen Aufbau einer Nationalen Geodaten-Infrastruktur (NGDI) mit leichtem und preiswertem Zugang zu einem optimalen Angebot an Geoinformationen zum Ziel haben, von medizinischer Seite mit höchstem Interesse verfolgt und mitgetragen werden. Charis Keller-Lengen, Zürich |