Reise durch die arabische Sprache
zu den verborgenen Schönheiten

Die Reise beginnt, von Europa aus gesehen, auf der anderen Seite des Mittelmeers, in Nordafrika genauer in Tunesien noch genauer in einem Garten. Dort gibt es eine ganz besondere Blume, die tagsüber wie verwelkt mit ihrem Stiel auf der Erde liegt. Tiere laufen über sie und verschmutzen ihre Blätter, die ohnehin von der Erde schon staubig genug sind. Fast möchte man sie wie Unkraut der Erde entreißen. Abends aber, nach Sonnenuntergang erwacht sie zu Leben. Jetzt hat sie sich aufgerichtet und steht mit weit geöffneten weißen Blättern so einladend da, als ob sie Dich umarmen will, und sie versprüht einen Duft dem man sich nur schwer entziehen kann. Die Araber nennen sie Nauwaar-al-Lail, Blume der Nacht. Jetzt, wenn alle anderen Blumen schlafen ist sie die Königin, denn sie sieht ein Licht das nur sie sehen kann. Ein Licht das nicht blendet und vor dem man keinen Schatten suchen muss, weil das Licht nichts verbrennt. Ein Licht das nur das erhellt was zu erhellen ist.

Die arabische Sprache ist auch so eine Blume. Scheinbar verwelkt liegen ihre Wörter am Boden, vom Staub der Vergessenheit bedeckt. Hierzulande bringt man ihr nicht den Respekt entgegen den man der deutschen Sprache in ihrer Heimat gewährt. Die schönsten ihrer Wörter sind zu den niedrigsten gekehrt. Wie die "Blume der Nacht" zeigt sie nicht jedem ihre Schönheit, aber wem sie sie zeigt der kommt nicht mehr von ihr los. Jetzt ist es so, dass Du sie umarmen möchtest.

Die Fragen

Gibt es eine natürliche Richtigkeit der Wörter, die jedem Benennbaren von Natur aus eine einzige objektiv richtige Benennung zuordnet, die nicht kulturell bedingt, sondern für alle Menschen gleichermaßen gültig ist, so wie sie im Kratylos, der Schrift des griechischen Philosophen Platons zur Diskussion steht?
Können Worte ähnlichen Klanges auch ähnliche Bedeutungen haben, oder wie es Platons in seiner Schrift formulierte, können bestimmte Laute bestimmte Bedeutungen zugewiesen werden?
Gibt es eine universelle Sprache, die Leibnitz suchte, um mit ihr das Richtige vom Falschen eindeutig zu trennen?
Hat Alexander von Humboldt recht in seiner Auffassung, dass die arabische Sprache sowohl eine wissenschaftliche als auch poetische Sprache sei?
Sind die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt, wie Ludwig Wittgenstein es sah, oder gibt es doch eine grenzenlose Sprache?
Liegt Alfred Dürer falsch mit der Aussage, "zu malen anfangen, weil die Wörter verbraucht sind"?
Kann "Wort" und "Wirklichkeit" zur Deckung kommen (kongruent sein)?
Gibt es eine Sprache die nicht nur Wissen übermittelt, sondern selbst Teil des Wissens ist?

Die Antwort

JA

Diese Sprache kann noch weit mehr. Sie kann die flüchtigen Gedanken verlustfrei formulieren, dass Menschen sie erfassen können, gleich welcher Herkunft.
Ihre Wörter sind schon aus sich selbst heraus bedeutungstragend und geben den Dingen ihre Namen.
Eine Sprache die weder altert noch sich verjüngt. Die nicht nur für eine Zeitepoche Gültigkeit hat sondern für alle Zeiten.
Sie bewahrt das längst Vergangene, bereichert das Gegenwärtige und hat noch genügend Wörter übrig die zukünftig sein werden, Inschah‘Allah.
Mit weniger Buchstaben als eine Hand Finger besitzt, erzeugt sie Wörter die sie mit einzigartiger Weisheit in Zusammenhang bringt und so zu großen Erkenntnissen führt.
Ihre Wörter können zu einem Klang von vollkommener Harmonie verschmelzen, die die Herzen der Menschen berühren lange bevor der Verstand sich ein Bild davon machen kann.
Sie ist das kostbare Werkzeug der Weisheit und dem ruhelos Suchenden nach dem verlorenen Wissen ein zu Hause.

Der Name


اللغَّة الفُصْحى Lughratul-Fusha, die Beredsame, die Wortgewandte, die Wortgewaltige. Kein arabischer Dialekt und nicht das sogenannte moderne Hocharabisch. Es ist das klassische reine Hocharabisch, die Sprache des Qur'an, als Erbe für die Menschheit [1]. Der Einfachheit halber nenne ich sie im Weiteren arabische Sprache.

Die "Reise durch die arabische Sprache" führt zu den verborgenen Schönheiten und zu einer Mathematik [2] die sie sichtbar macht. Diese Reise ist kein Grammatik-Lehrbuch, sondern kann Ihnen höchstens einige neue Impulse geben.
Jede Reise sollte ruhig beginnen, und so beginnt auch diese Reise besonnen, damit Sie nach jeder Etappe Zeit haben, die Eindrücke der „Neuen Welt“ in Ruhe zu verarbeiten. Und jetzt wünsche ich Ihnen eine

gute Reise, bon voyage, رحلة سعيدة


[1] Die UNESCO stellte im Rahmen des Projektes "Memory of the World" eine CD zusammen, auf der sich unter anderem auch 40 Koranmanuskripte aus dem ersten Jahrhundert nach der Hidschra (600 nach Christus) finden, einige davon aus den Funden von Sanaa. Siehe auch: http://www.unesco.org/new/en/communication-and-information/flagship-project-activities/memory-of-the-world/projects/full-list-of-projects/yemen-the-sanaa-manuscripts-project/

[2] Keine Angst vor Mathematik.
Es geht hauptsächlich um Strukturen, also Mengen mit bestimmten Eigenschaften. Und die verwendeten Begriffe, wie z.B. Wurzel, Ableitung, Matrix werden zwar oft mit Mathematik in Verbindung gebracht, sind aber viel älter als ihr Gebrauch in der Mathematik. So ist der Begriff: Wurzel aus einem Wort älter als Wurzel aus einer Zahl, der Begriff Ableitung auf Sprache bezogen hat eine jahrtausendealte Tradition im Gegensatz zur Mathematik wo er noch ziemlich jung ist.