Arabische Lautbildung

Arabisch ist eine Buchstabensprache die aus 28 Konsonanten besteht. Im Arabischen heißen Konsonanten Harf Sakin (حرف ساكن) was so viel wie die ruhenden Abgegrenzten bedeutet.

Ruhende Buchstaben wollen nicht so richtig aus dem Mund heraus, als ob sie sich in der Mundhöhle verschanzen warten sie auf den Luftstrom der sie aus dem Mund in den Raum befördert. Jetzt kommen die Harakets (حركات) die Bewegenden (Selbstlaute, Vokale) zum Einsatz. Harakets versetzen die Ruhenden in Bewegung, aber nicht in irgendeine Bewegung, sondern in ein wogendes Meer voller sprachlicher Schönheit. Harakets spielen eine herausragende Rolle in der Aussprache. Die 3 Harakets, Fatha (a), Damma (u) und Kasra (i) werden als kleine Symbole über oder unter die Konsonanten gesetzt.

Das Zusammenspiel der Ruhenden und der Bewegenden kann man sich am Beispiel eines Fußballspiels verdeutlichen. Was wäre denn ein Fußballspiel ohne einen Ball? Die 22 Spieler auf dem Feld würden ziemlich gelangweilt herumstehen. Erst der Ball bringt Bewegung ins Spiel, erst jetzt wachen die Ruhenden auf und entfalten voll ihr Können. Mal wird der Ball flach mal hochgespielt, mal wird er gestoppt oder abgeschlagen, mal fliegt er direkt oder mit effet. Harakets (Vokale) übernehmen die Rolle des Balls bei der arabischen Lautbildung. So wird aus einem tiefen a auch schon mal ein helles e, aus einem u ein oi und aus einem i ein langes yee. Und so wie der Ball die Mitspieler verbindet, verbinden die Harakets Konsonanten und Wörter und lassen die Sprache fließen.

Arabisch wird auch als Vokalisationssprache bezeichnet, weil die Harakets ("a", "i", "o") nicht nur die Sprache in Bewegung setzen, sondern auch die Fälle bestimmen und nicht wie im Deutschen der Artikel. Die deutsche Sprache ist eine Deklinationssprache, d.h. der Artikel bestimmt Genus, Kasus, Numerus und spielt so eine entscheidende Rolle im Satz.

Die höchste und ausgeprägteste Form arabischer Lautbildung ist die Quranrezitation, hier kommt ein weiteres Merkmal der arabischen Lautbildung zum Einsatz, nämlich das Tagwid[1]. Tagwid bedeutet so viel wie "dem Buchstaben zu seinem Recht verhelfen". Die Lehre des Tagwid vermittelt die einzigartige Lautbildung eines jeden Harfs (Buchstaben) [2]. Jeder Harf muss sich klar und deutlich von den anderen unterscheiden, das macht die Koranrezitation so großartig und nur so lässt sich die fehlerfreie mündliche Überlieferung über Jahrtausende erklären. Wer schon einmal an einer Tagwid-Sitzung teilgenommen hat, egal ob Muttersprachler oder nicht, wird bestätigen können, dass das Sprechen neu gelernt wird, man fühlt sich zurückgesetzt ins Kleinkindalter. Die Regeln des Tagwid kombiniert mit den sieben anerkannten Lesarten (Qira’at) [3] geben den unverwechselbaren Klang der Quranrezitation an und nicht umgekehrt. Es ist nicht zulässig den Quran durch eigene emotionale Klangformen je nach Textstelle zu rezitieren, so wie man es gelegentlich von anderen heiligen Büchern "hört". [4].

Skizze 1:
Lautbildung arabischer Konsonanten (Harf Sakin) und deren Lagen in der Mundhöhle (Kehle, Zunge, Lippen). Um es dem Anfänger leichter zu machen sollen die farbigen Buchstaben die Mimik wiederspiegeln die sich bei der Aussprache der englischen Wörter Green (smiling face), Blue (normaler Gesichtsausdruck) und Orange (emphatisch) einstellt. Die Zahlen daneben geben die Länge der Aussprache bekannt. So hat z.B. das Sprechen eines empathisch (mit Nachdruck) gesprochenen Buchstaben nur 1/4 der Länge eines "grünen" Buchstaben. Wobei die Längen, also das in die Länge ziehen der Laute, in Harakets gemessen wird, damit ist der Zeitraum gemeint den man benötigt um einen Finger von der geschlossenen Hand auszustrecken.

Das Lautsystem der arabischen Sprache umfasst das gesamte Spektrum menschlicher Laute. Alle Muskeln des menschlichen Sprachapparates werden beansprucht. Von tief in der Kehle erzeugten Knack- Reibe- und Presslauten bis hin zur Zungenspitze und den Zähnen gebildeten Dentallauten von denen es gleich drei verschiedene gibt.

So erklärt sich auch warum arabische Muttersprachler akzentfrei jede Fremdsprache sprechen können während umgekehrt, z.B. ein Deutscher, große Anstrengungen eines akzentfreien Arabisch aufbringen muss, eben wegen der Lücken im Sprachspektrum und der damit verbundenen Mühen die Muskeln des Sprechapparates zu reaktivieren. Nach diesen anfänglichen Mühen kommt auch Spaß am Üben mit der eigenen Stimme auf. Die neuen Laute, einst belächelt und als abstoßend empfunden, vermitteln nun einen ästhetischen Genuss der uns auch dabei hilft das Fremde zu verstehen. Und, je mehr das Fremde verstanden wird umso mehr verblassen die Vorurteile. Leider wird Arabisch als Wahlfach auf deutschen Schulen so gut wie gar nicht angeboten.


[1] Mehr Informationen zum Tagwid erhalten Sie im Buch: "Die Regeln der Qur'an-Rezitation", von Abdullah Frank Bubenheim und Hadeem Elyas, ISBN 3-923861-07-9

[2] Das deutsche Wort Buchstabe bezeichnet nicht den "Gegenstand" den es beschreibt. Etymologisch ist Buchstabe nicht klar bezeugt und kann "mit einem Stäbchen in ein Buch schreiben" oder "ein Stäbchen aus Buchenholz" bedeuten. Arabische Wörter beschreiben die genannten Dinge immer exakt. Ein Harf, so heißt Buchstabe auf Arabisch bedeutet "scharf abgegrenzt". Jeder Buchstabe ist tatsächlich eine sprachlich abgegrenzte Einheit die keine sprachlichen Doppeldeutigkeiten zulässt. Beispielsweise können Sie das deutsche "s" einmal weich summend wie im Wort "Süden" oder scharf zischend wie im Wort "als" sprechen.

[3] Die sieben allgemein anerkannten Rezitationsweisen (Qira’at) des Qur’an leiten sich von folgenden islamischen Gelehrten ab:
• Nafi’ (gest. 169/785), Übermittler Warsch (197/812)
• Ibn Kathir (gest. 120/737)
• Abu ’Amr ibn Al-’Ala’ (gest. 154/762)
• Ibn ’Amir (gest. 154/762)
• ’Asim (gest. 127/744), Übermittler Hafs (180/796)
• Hamza (gest. 156/772)
• Al-Kisa’i (gest. 189/904), Übermittler Duri (246/860)

[4] Eigene emotionale Betonungen (Klangfarbe, Pausen, Stimmabsätze, u.v.m.) in heiligen Schriften können zu Missverständnissen führen und so ganze Textabschnitte verfälschen. Hier wird die menschliche Intension vor die göttliche gestellt.