Arabische Kalligraphie und Mathematik

Auf der Suche nach Ästhetik und Harmonie in der Kunst oder der Mathematik wird man ohne einen Bezugspunkt nicht auskommen. Ohne eine Referenz zur Orientierung wird eigentlich nichts richtig gut. Dies galt schon Im europäischen Mittelalter als die Rechenmeister nur "rechneten" solange bis, ja, bis die Araber Ihnen das NICHTS in Form der NULL schenkten. Jetzt erst wurde aus Rechnen Mathematik und die Zahl löste sich vom Zählen. Das arabische Schriftsystem besitzt auch so etwas scheinbar Unbedeutendes wie die Null in der Mathematik. Die Referenz an der sich Schönheit und Ästhetik in der arabischen Schrift orientiert ist das Adjem.

Um das Jahr 900 gab es schon verschiedene kursive Formen in der arabischen Schrift. Alle waren noch unausgereift. Ali Ibn Muqla entwickelte im Jahr 910 als erster ein geometrisches und mathematisches Schriftsystem das er Naskh [1] nannte. Als Basis diente der Adjem, ein kleines auf die Spitze gestelltes Quadrat (Raute).

Die Ästhetik der arabischen Schriftzeichen bauen auf dem kleinsten Element, dem „rautenförmigen Punkt“ auf. Die Adjems sind so gesehen die Atome des Naskh Schreibstils, siehe Bild 1a.

Bild 1a:
Im Naskh Schreibstil von Ali Ibn Muqlaq dient der Adjam als Ausgangspunkt für alle Buchstaben. So setzt sich zum Beispiel das Alif, der erste Buchstabe im arabischen Alphabet, in der Höhe aus 8 Adjems, also aus 8 aufeinandergestapelten Rauten zusammen. Beim zwölften Buchstaben dem Sin, haben die drei Kurven den Durchmesser von 1, 2 und 6 Rauten. Die Dicke der Buchstaben variiert zwischen "fast Null" und dem Durchmesser einer Raute. [2]
Bild 1b:
Die Pinselbreite entspricht dem Durchmesser der Raute. Die maximale Dicke eines Buchstabens kann deshalb nicht breiter als der Durchmesser der Raute sein.

Das Adjem als Bezugssystem verleiht der Arabischen Schrift ihre Ästhetik. Als weitere Besonderheit verleiht das Adjem der Sprache ihre Klarheit. Als kleiner Punkt über oder unter ein arabisches Zeichen gesetzt macht er diesen dann zum Konsonanten, und ein Konsonant heißt ja auf Arabisch Harf - der klar abgegrenzte Buchstabe - (siehe auch Kapitel "Arabische Lautbildung"). Im deutschen gibt es etwas Ähnliches, so machen die beiden Punkte über dem u aus dem Buchstaben u einen weiteren Buchstaben ü. Im Arabischen entstehen durch das Setzen dieser Adjems die meisten Konsonanten, siehe Bild 2.

Bild 2: Aus einem noch rohen Schriftzeichen, das einem Kanu ähnelt, entstehen durch entsprechendes Setzen der Adjems die Konsonanten B, T, TH. Übrigens, Adjem heißt auf Deutsch "Nichtaraber". In der Frühzeit der Schrift war es den Arabern möglich, die Buchstaben aus dem Textzusammenhang ohne Adjems eindeutig zu identifizieren, so wie es heute auch noch in der Stenographie üblich ist. Als sich im Laufe der Zeit die arabische Sprache immer mehr ausbreitete und auch Nichtaraber erreichte, musste man die Adjems setzen.

.


[1] Nashk ( نسخ ) bedeutet vervielfältigen, kopieren. Als ein Hinweis darauf, mit diesem "geschwungenen" Schreibstil Texte schneller per Hand zu schreiben (vervielfältigen) als mit dem bislang vorherrschenden eckigen Kufik Schreibstil.
Nicht zuletzt auch wegen seiner Lesbarkeit sind die meisten Qur'an Ausgaben in Nashk geschrieben.
siehe auch: http://calligraphyqalam.com/styles/index.html

[2] Quelle zu Bild 1a: Foundation for Science, Technology and Civilisation (http://www.fstc.co.uk)
Decoding and Demystifying Da Vinci, Januar 2005 .