Und Wir ließen Sulaiman (Salomon) es begreifen. ...
Sura Al-Anbiya (Die Propheten) 21:79

Wörter verstehen

In diesem Kapitel möchte ich andeuten worum es im Folgenden geht. Die Reise durch die arabische Sprache führt zu ihren Wörtern und mit ihnen zu ihren Ableitungen, zu ihren Beziehungen untereinander, zu ihren Bedeutungen und zu ihren Verwendungen als Namen. Sprache ist selbstverständlich mehr als nur die Betrachtung ihrer Wörter. Die Wörter der arabischen Sprache sind aber von sich aus schon so bedeutungstragend, dass man sie nur mit Sätzen ins Deutsche übertragen kann. Im Laufe der "Reise" werde ich an einigen Stellen kurz die Sprache als Ganzes in Betracht ziehen, aber das Ziel ist, in einem ersten Schritt, die Wörter zu verstehen.

Sprachen sind großen Veränderungen unterworfen. Wörter unterliegen im Wandel der Zeiten Veränderungen in Schrift, Aussprache und Bedeutung. Nehmen wir z.B. die deutsche Sprache. Ein Mensch aus dem Deutschland des Hochmittelalters (ca. 11. bis 14. Jahrhundert n. Chr.) würde das heute gesprochene und geschriebene Deutsch nicht mehr verstehen. Umgekehrt haben wir in unserer heutigen Zeit große Schwierigkeiten die Wörter von damals zu deuten und zu verstehen [1]. Hier helfen uns Sprachhistoriker die das Wissen von damals in etymologischen Wörterbüchern (Herkunfts- bzw. Bedeutungswörterbüchern) bereitstellen, aber auch sie stoßen an Grenzen. Obwohl die Etymologie in Deutschland auf eine lange Forschungstradition zurückblicken kann [2] gibt es über die meisten nachgeschlagenen Wörter unsichere Zeit- Herkunfts- und Bedeutungsangaben, die man dann mit Fragezeichen versieht [3]. Teilweise finden sich auch in verschiedenen Wörterbüchern zu einem Stichwort widersprüchliche Angaben (siehe Bild 1a). Die "alten" Sprachen [4] die heute noch an Gymnasien und Hochschulen in Deutschland gelehrt werden sind keine lebendigen Sprachen, keine wird heute noch gesprochen [5]. Es ist also schwierig, wenn nicht sogar unmöglich die Sprachwurzeln mit ihren urtümlichen Bedeutungen aufzudecken.

Es gibt eine Ausnahme von dem eben gesagten:

Die Wörter der arabischen Sprache sind wegen dem deutlichen Buch [6] und ihrer Lebendigkeit nicht von den Spinnweben der Mystik umwoben und brauchen deshalb nicht in mühevoller Kleinarbeit entmystifiziert werden. Ihre Wörter sind klar und deutlich und vor allem deutlich unterscheidbar über die Generationen erhalten geblieben. Vorab, fünf Vorzüge:

Damit haben arabischen Sprachwissenschaftler ausgezeichnete "Werkzeuge" zur Hand um in nicht spekulativer Weise Auskunft über die Bedeutungen der Wörter einer so alten Sprache geben zu können. Die nächsten Kapitel werden sich damit beschäftigen.

Bild 1a/b vermittelt Ihnen auf einfache, bildliche Weise das eben gesagte.

Bild 1a: Stationen der Erkenntnis über ein deutsches Wort

Bild 1b: Stationen der Erkenntnis
              über ein arabisches Wort

1. Erst mal kurz über den Begriff nachdenken,

2. dann ein Wörterbuch zu Rate ziehen.

3. Erste Zweifel kommen auf.

4. Ein weiteres Wörterbuch zu Rate ziehen,

5. Zweifel und Widersprüche bleiben.

Fazit: Mit viel Worten wenig sagen.

1. "Wurzelziehen"
    (siehe nächstes Kapitel)

2. Fertig!






Fazit: Mit wenig Worten viel sagen.

Noch eine Anmerkung zum Titel: Wörter verstehen
Die obige Grafik soll andeuten, dass den arabischen Wörtern eine Idee (wird in den folgenden Kapiteln ausführlich erklärt) zu Grunde liegt. Die Idee hinter dem Wort Amen ist Sicherheit. Gemeint ist damit "Sicherheit im weitesten Sinne". Nun ist es doch so, Menschen haben auf Grund unterschiedlicher kultureller Hintergründe auch unterschiedliche Vorstellungen von Sicherheit. In der arabischen Sprache ist es möglich aus der Idee selbst viele Wörter herauskristallisieren, die dann wiederum hilfreich sind, die Idee besser zu verstehen. Der Reichtum der Sprache macht es möglich, aus mehreren Blickwinkeln die Idee (im Beispiel oben "Sicherheit") zu betrachten und nicht nur aus einem Blickwinkel, so können auch eher kulturelle Zwänge aufgelöst werden und Sicherheit wird zu dem was es ursprünglich war, nämlich im Zusammenkommen und nicht im Trennen der Menschen. Im Grenzenlosen und nicht im Abgrenzen. Im Niederreisen der Mauern und nicht im Erbauen. Im Türen öffnen und nicht im Schließen. Das erahnt, nein, weiß eigentlich jeder, der das Wort Amen in Gemeinschaft spricht.

Wörter "richtig" zu verstehen bedeutet auch immer etwas über seinen eigenen Schatten zu springen, sich zu korrigieren, sich seinen eigenen (Vor)urteilen zu stellen und vieles mehr. Mit Arabisch fällt es eben leichter Wörter zu verstehen.


[1] Die Anfangszeilen des Nibelungenliedes
im Mittelhochdeutschen:
Uns ist den alten mᴂren wunders vil geseit von helden lobebᴂren, von groɀer arebeit
und heute:
Uns sind in alten Erzählungen viele Wunderdinge berichtet worden von rühmenswerten Helden, von mühevollen Kampf.

Quelle: Duden, Das Herkunftswörterbuch, Etymologie der deutschen Sprache, 3. Auflage, Seite 62

 

[2] 1883 erschien das erste Etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache von Friedrich Kluge. Im selben Jahr begannen die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit der Erstellung des Deutschen Wörterbuchs (DWB), später auch einfach nur "Der Grimm" genannt.

[3] Aus Köbler, Gerhard, Deutsches Etymologisches Wörterbuch, 1995, zum Stichwort deutsch, diese kurze Erklärung ist mit 3 Fragezeichen versehen:
deutsch, Adj., »zum Volk gehörig«, mhd.
diutisch, tiutsch, Adj., »deutsch«, ahd. diu-
tisk (1000), diutisc, Adj., »völkisch, volks-
sprachlich, deutsch«, as. thiudisk, Adj.,
»volkssprachlich«, awestfrk. *peodisk (um
700?), Adj., »zum Volk gehörig, völkisch«,
zu germ. *peudiska, *peudiskaz, Adj., »zum
Volk gehörig, völkisch«?, Lüs. lat. vulgaris,
Adj., »zum Volk gehörig«?, zu germ.
*peudō , F., »Volk‹, idg. *teutā, F.,
»Volk«, vgl. mlat. theodiscus (786), diu-
tiscus (um 800), Adj., »zum eigenen Volk
gehörig, germanisch-fränkisch«, vgl. auch
mlat. teutonicus, Adj.

[4] Latein und Altgriechisch.

[5] Die alten Sprachen sind keine Staatssprachen mehr.

[6] Damit meine ich den El-Qur'an El-Karim (den edlen Qur'an).

[7] Keine Veränderung über einen so langen Zeitraum muss nicht bedeuten, dass Arabisch eine starre Sprache ist, im Gegenteil, mit ihrem erstaunlichem Potential an Wörtern gelingt es ihr immer wieder sich von selbst, quasi von innen, mit Wörtern zu bereichern und so wird sie nicht von außen mit Fremdwörter überladen, die dann nicht mehr in das Wortbildungsmuster passen, dass in Form der "Matrix der Flexionen" gegeben ist, (ausführliche Erklärung in den nächsten Kapiteln).