Der Schlüssel zur arabischen Sprache

Drei Konsonanten bilden die Wurzel Arabischer Wörter

Je einfacher komplizierte Strukturen beschrieben werden können desto schöner erstrahlt die Idee dahinter, auch deshalb, weil man etwas versteht und das ist einfach schön. Schönheit und Einfachheit gehen nicht nur in der Mathematik Hand in Hand, sondern auch in der arabischen Sprache.

Sprechen ist etwas Natürliches und so sollte die Sprache mit ihren Sprachenregeln dies auch sein. Doch allein die Konjugation (Beugung von Verben) im Deutschen ist für den Lernenden manchmal haarsträubend und wirkt überhaupt nicht natürlich (viele beugen lieber das Knie als einen lieben Freund [1]). Die arabische Sprache (Lughra-Fusha) hat sich das Urtümliche bewahrt. Aus Einfachheit und Klarheit erwächst eine Schönheit die in einer Natürlichkeit der Sprachregeln gipfelt [2]. Und weil es so einfach natürlich ist fällt es auch kaum jemanden auf. Der Schlüssel zur arabischen Sprache ist etwas Großartiges und bleibt doch den meisten Menschen verborgen, wer ihn aber gefunden hat, hat etwas wirklich Bedeutsames gefunden, mit ihm lassen sich die Tore der Erkenntnis öffnen.

Eine lebendige Sprache [3] zu finden deren Wörter (damit sind Verben, Adjektive, Substantive gemeint) auf 3 Konsonanten aufbauen ist schon einmalig, aber dann, dieses Konsonantentripel, diese Wurzel, die nichts anderes darstellt als eine Idee, eine Unschärfe, eine verschwommene Ahnung der Urbedeutung, dann, mit dieser Wurzel viele weitere Wörter finden die eine große Wortfamilie [4] bilden ist einzigartig. Und wie in einer richtigen Familie die Zugehörigkeit durch Abstammung (Eltern-Kinder) festgelegt ist, so ist auch die arabische Wortfamilie durch Flexion der Wurzelkonsonanten festgelegt. Mögen die Familienmitglieder noch so unterschiedlich im Aussehen und Verhalten sein, mindestens eine Gemeinsamkeit lässt sich immer finden. Mit der arabischen Wortfamilie verhält es sich ebenso. Zusammenhänge aus den unterschiedlichsten Wörtern feststellen lässt ein tieferes Verständnis der benannten Dinge aufkommen.

Dies ist noch nicht alles. In der arabischen Sprache (Lughhra Fusha) sind Flexionen nicht ungeordnet (willkürlich, unregelmäßig) sondern wohlgeordnet. - Doch eins nach dem anderen -

Das wohl herausragendste mathematische Element in der arabischen Sprache ist die Wurzel. Die meisten arabischen Wörter lassen sich auf drei Konsonanten (arab. Harf Sakin = ruhender Buchstabe) reduzieren oder anders ausgedrückt, drei Konsonanten bilden die Ausgangsbasis für die Wortbildung. Diese Dreier-Konsonantenfolge wird auch Wortwurzel oder kürzer Wurzel genannt. Vereinfacht ausgedrückt setzt sich fast jedes arabische Wort aus der Wurzel (3 Konsonanten) und Vokalen als An- In- und Auslaute zusammen.


Bild 1:
Aus den Konsonanten S T N
durch Hinzufügen von Vokalen
gebildete Wörter.

Die deutsche Sprache reicht nur bis zum Wortstamm und nicht weiter tiefer zur Wurzel, dennoch möchte ich ihnen das Wurzelsystem an Hand von deutschen Wörtern erklären:
Die willkürliche Dreier-Konsonantenfolge (Wurzel) S T N soll beliebig mit Vokalen ausgefüllt werden um sinnvolle Wörter zu erzeugen. Nach kurzer Überlegung findet man die Wörter, oSTeN, STeiN, SeiTeN (siehe Bild 1). Es gibt noch einige mehr, aber Sie werden feststellen, dass eine Wortbildung über diese Methode gar nicht so einfach ist, auch haben die so erzeugten Wörter keinen Bezug untereinander. Versuchen Sie es doch einfach mal mit drei anderen Konsonanten.

Während man bei dem obigen Beispiel schon froh ist ein halbes Dutzend Wörter zu erzeugen, erntet man von einer arabischen Wortwurzel sehr viel mehr Wörter, zwischen 20 und 30 im praktischen Alltagsgebrauch und weit über 200 als theoretischen Wert. Ein edler Überfluss, hier liegt das große Potential der Sprache verborgen (dazu mehr im Kapitel "Das Tor zur arabischen Sprache").

Die arabische Sprache bildet mit dieser Methode alle Ihre Wörter aus (ca. 90% über die Drei-Konsonantenfolge und ca. 10% über Zwei- bzw. Vier-Konsonantenfolge). Wenn man bei der deutschen Sprache überhaupt von einer Basis sprechen kann, dann ist es der Wortstamm. Die untenstehende Grafik vergleicht den deutschen Wortstamm mit der arabischen Wortwurzel.

Vergleich: Deutscher Wortstamm mit Arabischer Wortwurzel

Bild 2:
Bildlicher Vergleich, Deutscher Wortstamm mit Arabischer Wortwurzel

Während der deutsche Wortstamm unverändert bleibt und nur von An- und Auslauten umgeben ist, ist die arabische Wortwurzel zusätzlich noch durch Inlaute und Morpheme (Orts- bzw. Zustandspartikeln) flektiert [5]. Jeder Wurzel ist ein ungefährer Bedeutungsinhalt zugeordnet, hier ist der Wurzel K T B der Bedeutungsinhalt "alles was im weitesten Sinne mit Schreiben zu tun hat" zugeordnet.

Im obigen Bild wurden An- In- und Auslaute zur Wortwurzel hinzugefügt, so dass ein Wort entstand (dazu mehr im nächsten Kapitel). Im Bild 3 unten wird der umgekehrte Weg aufgezeigt, das Entfernen der An- In- und Auslaute, so dass wieder die Wortwurzel sichtbar wird. Die Wortwurzel "ziehen" ist nicht weiter schwierig, da die dazugehörige Technik von den Wörtern unabhängig ist. Ich brauche also weder Kenntnis noch eine Übersetzung von einem arabischen Wort um die Wortwurzel zu erhalten. Ein abstrakter Prozess ähnlich wie bei Zahlen, ob ich die Wurzel aus der Zahl 10 "ziehe" oder aus irgendeiner anderen Zahl, die Gedankengänge hierzu sind immer die gleichen.

Die Wurzel aus einem arabischen Wort "ziehen"

Bild 3: Arabische Wörter sind von Hause aus überschaubar und bestehen überwiegend aus 5, manchmal aus 6, selten aus 7 Konsonanten. Vokale werden nur als kleine Symbole über oder unter die Konsonanten gesetzt. Die Wurzel aus einem arabischen Wort "ziehen" bedeutet nichts weiter als die (meistens zwei bis vier) Konsonanten zu finden und zu extrahieren, die das Wort bilden. Es sind letztendlich die Felder im Wortbildungsmuster oder in der Matrix der Ableitungen, (siehe nächstes Kapitel). Nach diesem Extraktionsprozess bleibt die Wortwurzel mit ihrem ungefähren Bedeutungsinhalt in Form der drei Konsonanten übrig.
Im obigen Beispiel genügt es, den Konsonanten am Anfang (M) und am Ende (H) zu entfernen um die Wortwurzel K T B sichtbar zu machen.

Mit der arabischen Wurzel können auch Lernende an dieser Sprache Gefallen finden. Eine Fremdsprache lernen heißt Vokabeln pauken, also aus einer Vokabel-Liste die Wortpaare (Fremdwort/Übersetzung) lesen, zuhalten, aufsagen - und nochmals wieder und wieder. Klingt eintönig, wer das schon mal gemacht hat entwickelt schnell eine für sich passende Strategie damit das gelernte im Langzeitgedächtnis seinen Platz findet und nicht schon nach wenigen Stunden wieder vergessen ist. Das Spektrum der Lernmethoden ist mittlerweile breit gestreut - von Vokabeltrainer-Apps über Superlearning und Bilder bis zu den vertrauten "Eselsbrücken".

Arabisch hält meines Erachtens eine sehr effiziente und phantasievolle Lernmethode parat. Ich muss nämlich nur die Wurzel in Form der drei Konsonanten und den dazu ungefähren Bedeutungsinhalt kennen, dann kann ich daraus viele weitere Wörter ableiten (siehe Tabelle 1).

   Arabische Wurzel

ungefährer Bedeutungsinhalt
einige abgeleitete Wörter
ك ت ب K T B hat irgendwie mit schreiben zu tun Autor, Brief, korrespondieren, Büro, Bibliothek, ...
ف ع ل F Ā L irgendwie etwas tun praktisch, aktiv, tun, Reaktion, Wirksamkeit, Reaktor, ...
ع ق ب Ā Q B zu Ende gehen Ferse, Passweg, Ende, nachfolgen, ...
ن ط ق N T Q hat irgendwie mit artikulieren zu tun sprechen, befragen, vernehmen, Rede, Phonetik, ...
ب د و B D W hat irgendwie mit erscheinen zu tun offenbar, klar, sich zeigen, Beduine, ...

Tabelle 1: So oder so ähnlich könnte man sich eine Wurzel-Liste erstellen. Der Vorteil gegenüber einer Vokabel-Liste liegt auf der Hand. Eine Vokabel-Liste hat immer eine 1:1 (Wort zu Wort) Zuordnung. Eine Wurzel-Liste hat mindestens eine 1:20 (Wurzel zu vielen Wörtern) Zuordnung.


[1] Mark Twain, siehe Kapitel "Flexion einfach erklärt"

[2] Mehr zur Natürlichkeit der Sprachregeln im Kapitel "Die Namen der Wörter".

[3] Arabisch rangiert auf Platz 6 der Weltsprachen.

[4] Dies hat nichts mit der deutschen Wortfamilie zu tun, deren Wörter sich ja nur um den Wortstamm bilden.

[5] Einige Anlaute beginnen auch mit Konsonanten (M, S, T, Y) die aber für jedes Wort gleich lauten. Mehr dazu auch hier im Kapitel "Das Tor zur arabischen Sprache" und folgende.