Das Tor zur arabischen Sprache

Jetzt, mit dem Schlüssel zur arabischen Sprache (siehe vorherigen Abschnitt) lässt sich das Tor zur arabischen Sprache öffnen. Im vorhergehenden Abschnitt wurde darauf hingewiesen das 3 Konsonanten die Ausgangsbasis der Wortbildung sind. Immer drei Konsonanten zusammen bilden die sogenannte Wurzel, die hoch abstrakt und noch nicht sprechbar ist. Erst in Kombination mit An- In- und Auslauten (meist Vokale) werden daraus Wörter die in einem besonderen Zusammenhang zur Wurzel stehen. Aus der Tabelle 1 des letzten Kapitels, hier nochmal die erste Zeile dieser Tabelle, konnte man ersehen, dass mit Hilfe der Wurzel K T B verschiedene Wörter erzeugt werden können:

   Arabische Wurzel

ungefährer Bedeutungsinhalt
einige abgeleitete Wörter
ك ت ب K T B hat irgendwie mit schreiben zu tun Autor, Brief, korrespondieren, Büro, Bibliothek, ...

Bisher ist noch nicht klar, wie die abgeleiteten Wörter erzeugt werden und wie viele Wörter eine Wurzel hergibt.


Bild 1: Wortwurzel trifft auf Matrix [1]

Das Erzeugen der Wörter im Arabischen ist nicht dem Zufall überlassen, sondern folgt einem wohlgeordneten Schema. Zunächst eine einfache Erklärung:
Die arabische Sprache ist so universell, dass man sich nicht scheuen braucht sie mit natürlichen Entstehungs-prozessen zu vergleichen. Ähnlich dem Samen der in einen guten Mutterboden eingepflanzt, einen gesunden Baum mit bekömmlichen Früchten hervorbringt, bringt die Wortwurzel, die ja nichts weiter als reduzierte Informationen in Form der drei Konsonanten erhält, eingepflanzt in die Matrix (siehe Bild 1), wohldefinierte und klar in der Bedeutung abgegrenzte Wörter zu Tage.

Die Wortbildung aller dreikonsonantigen Wurzeln ist in dem Wortbildungsmuster (siehe Bild 2) angegeben, das auch Matrix der Flexionen oder Matrix der Ableitungen genannt wird. Von mir auch öfters kurz Matrix genannt.

Das Tor zur arabischen Sprache ist das Wortbildungsmuster (Matrix der Flexionen)

Bild 2: Das Wortbildungsmuster (Matrix der Flexionen)

Das Wortbildungsmuster oder die Matrix der Flexionen ist nichts anderes als ein Wortgenerator. Die leeren grauen Felder dienen als Platzhalter für die drei Konsonanten der Wortwurzel. Einige Felder bestehen aus vier Platzhaltern, das bedeutet, ein Wurzelkonsonant wird dupliziert um dem Wort eine zusätzliche Intension zu verleihen.

Die Matrix besteht in Ihrer kleinsten Form aus 10 Zeilen und 7 Spalten [2]. In den so insgesamt 70 Feldern werden die drei Wurzelkonsonanten mit Vokalen und manchmal auch mit Konsonanten nach einem einheitlichen Schema mit An- In- und Auslauten gedehnt, gestaut, verdoppelt. Das Feld links oben in der Matrix ist der Anker- oder Ausgangspunkt, hier steht nach dem Einsetzen der Konsonanten immer ein Verb im Grundzustand, ähnlich dem Infinitiv im Deutschen. Über die Spalten "läuft" dann das (arabische) Verb durch Zeiten, Handlungen und Zustände (Partizipien, Adjektive) zur Zeitlosigkeit (Substantiv).

Interessant wird es aber erst wenn das arabische Verb über die Zeilen "läuft", jetzt kommen die Stämme [3] (Ableitungen) ins Spiel. Hier erst offenbart sich die Kraft dieser Sprache, hier erst sind die großen und nicht gleich auf den ersten Blick erkennbaren Zusammenhänge sichtbar. Auch in der Mathematik erhält man meist über die Ableitungen einer mathematischen Funktion mehr Aufschluss über das Wesen der Grundfunktion.
Betrachtet man in der Matrix der Flexionen die Zeitschiene (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) als eine Koordinate und die Ableitungen (Stamm II bis Stamm X) als weitere Koordinate, dann "läuft" das Verb auf einer Ebene. Mit anderen Worten, die arabische Sprache ist zweidimensional. Auch dies lässt sich wieder gut mit Mathematik verdeutlichen: Als der Zahlenbegriff vor ca. 200 Jahre die Ebene, in Form der komplexen Zahlen eroberte, wurden Zusammenhänge sichtbar die vorher unmöglich schienen. Beispielsweise konnten jetzt monotone Funktionen mit Hilfe periodischer Funktionen beschrieben werden.
Die Zusammenhänge arabischer Wörter, die einer gemeinsamen Wurzel entspringen, lassen sich ohne Kenntnis der Matrix der Flexionen nicht sofort erschließen. Nochmals, die Spalten in der Matrix geben Aufschluss über Zeiten und Handlungen, und die Zeilen der Matrix informieren über die allgemeinen Bedeutungen der Stämme (Ableitungen). In der Arabischen Sprachlehre ist dies ein eigener Wissenschaftszweig und nennt sich "Die Wissenschaft der Ableitungen" (عِلْم ألإشْتَقَاق ), dort werden u.a. die Bedeutungen sehr ausführlich diskutiert. Ich habe mich bei den allgemeinen Beschreibungen der Stämme sehr kurz gefasst um Ihnen in einem ersten Überblick das Wesentliche zu vermitteln.

Morphologisch mathematischer Aspekt der Flexionsmatrix

Die Morphologie ist ein Teilgebiet der Linguistik, sie befasst sich mit den kleinsten bedeutungstragenden Einheiten eines Wortes. Man kann sie auch die Atome eines Wortes nennen. Obwohl Arabisch eigene Bezeichnungen kennt, können die An- In- und Auslaute zwischen den grauen Feldern in der Matrix der Flexionen auch als Morpheme betrachten werden. Es gibt in der arabischen Sprache einen interessanten Zusammenhang zwischen einem sogenannten morphologischen Prozess und einem mathematischen.

Morphologischer Prozess: Von einer Idee (unscharfer Bedeutungsinhalt in Form der drei Konsonanten K1, K2, K3) über die Form (Morpheme, das sind die An- In- und Auslaute zwischen den drei Konsonanten) hin zu einem präzisen Wortbegriff (rotes Feld).

Mathematischer Prozess: Von dem Wort (rotes Feld) über die Wurzel (Morpheme werden entfernt) zur Idee (das sind die drei Konsonanten K1, K2, K3 mit ihrem unscharfen Bedeutungsinhalt). Im Kapitel "Schlüssel zur arabischen Sprache" habe ich diesen Prozess auch "Wurzelziehen" genannt.

Am Anfang dieses Kapitels war noch nicht klar wie die arabischen Wörter erzeugt werden, jetzt am Ende ist es schon eher verständlich, hier eine kurze Zusammenfassung des zuvor erwähnten:

Einfachheit der Strukturen gepaart mit Bedeutungsreichtum

oder etwas ausführlicher:

Trifft der ungefähre aber richtungsweisende Bedeutungsinhalt der Wortwurzel, auf den klaren aber allgemein gehaltenen Bedeutungsinhalt des Matrixfeldes, entsteht etwas Großartiges, nämlich ein WORT.

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[1] Das Wort Matrix stammt aus dem lateinischen und bedeutet so viel wie Mutterboden.

[2] Mehr zum Wortbildungsmuster im Kapitel "Literatur" und dort unter Arabische Sprachlehre.

[3] In den europäischen Grammatiken ist es üblich, die Bildungsmuster der Verben als Stämme zu bezeichnen. Diese Konvention wurde dann auch in Arabisch-Deutschen Wörterbüchern übernommen, hat aber wenig mit den deutschen Wortstämmen, die ja nur durch Prä- oder Suffixe ergänzt werden, zu tun. Die Bezeichnung 1. Ableitung, 2. Ableitung, ... wie sie im Arabischen gebraucht wird wäre durchaus sinnvoller.