Was heißt eigentlich Flexion

Stellen Sie sich vor, Sie schreiben auf einem breiteren Gummiband drei Buchstaben ziemlich eng aneinander, ziehen dann das Gummiband an seinen Enden und füllen den neu entstandenen Platz, vor, zwischen und nach den Buchstaben, mit weiteren Buchstaben aus. Das so neu entstandene Wort nennt man dann im Arabischen eine "Ableitung der ursprünglichen drei Buchstaben".

Jetzt stellen Sie sich vor, Sie spannen ein Holzstück, das mit einem Wort beschrieben ist (dem sogenannten Wortstamm) an seinen Enden an Gummibändern und ziehen. Platz für neue Buchstaben entsteht nur noch am Anfang und am Ende, das Holzstück mit dem Wort in der Mitte bleibt ja starr. Dieses so neu entstandene Wort nennt man im Deutschen eine Flexion (des Wortstammes).

Unsere Vorstellung von Flexion, von dehnbar, kommt der arabischen Ableitung sehr nahe, bei der Erweiterung des deutschen Wortstammes brauch man dann schon etwas mehr Phantasie. Nichtsdestotrotz teilt man hierzulande die Weltsprachen im Wesentlichen in zwei große Sprachkategorien auf, nämlich:

Flektierende (synthetische) Sprachen, diese sind flexibel, d.h. der Wortstamm erweitert bzw. verändert sich (siehe Bild 1 und 2). Hierzu gehören Sprachen wie Griechisch, Latein, Deutsch und natürlich Arabisch mit seiner Flexionsmatrix.

 

Nicht flektierende (analytische) Sprachen, diese sind statisch, d.h. der Wortstamm bleibt erhalten
(siehe Bild 1 und 3). Hierzu gehören Sprache wie Französisch, Englisch, Chinesisch.

 

Flexion am Beispiel der deutschen und der englischen Sprache

Bild 1: Flexion im Deutschen und keine Flexion im Englischen

Anmerkung von Mark Twain: Vielleicht sollte man in Deutschland lieber auf Freunde verzichten, als sich all diese Mühe mit ihnen zu machen (siehe weiter unten "Grammatik mit sich reimenden Versen").
Meine Anmerkung: Englisch ist einfach falsch aber richtig schwierig.
Mit anderen Worten: Es ist einfach Englisch falsch zu sprechen aber schwierig Englisch richtig zu sprechen
.

Bild 2: Durch die Flexion der Artikel (der/den) kann in der deutschen Sprache Subjekt und Objekt vertauscht werden ohne dadurch den Sinn des Satzes zu verändern.

Bild 3: In der englischen Sprache gibt es keine Flexion der Artikel ("the" bleibt immer "the") dadurch verändert sich der Sinn des Satzes beim Vertauschen von Subjekt und Objekt. Das Subjekt steht im Englischen immer am Satzanfang.

und noch etwas Erheiterndes ...

Grammatik mit sich reimenden Versen erklären

Im Arabischen hat es Tradition, Grammatik mit Hilfe sich reimender Verse zu erklären [1], im Deutschen eher nicht. Eine Ausnahme stellt vielleicht das Buch Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod von Bastian Sick dar. Dies ist aber mehr ein Plädoyer für die "Rettung" des Genitivs.

Interessant ist da schon eher die Gegenüberstellung der Aussagen über das deutsche Adjektiv von einem Araber, Herr Assem Attia Ali [2], der die deutsche Sprache liebt und einem Amerikaner, nämlich Mark Twain, der die deutsche Sprache hasste [3].

Die deutsche Grammatik in Form von gereimter Dichtung

"oder warum Assem Attia Ali die deutsche Sprache liebt"

......
dann schließe ans Adjektiv "en" an!
Damit kommst du sicher voran.
Ich gebe meiner lieben Mutter einen Kuss,
dann geh ich gleich weg mit einer Haselnuss.

c) Das Adjektiv alleinstehend

Das Adjektiv steht allein vor dem Substantiv,
ohne Artikel und Nominativ,
Es wälzt die Verantwortung nicht von sich ab
und mindert auf uns das Problem herab.
Es opfert sich und sagt,
indem es an der Lippe nagt:
Man sieht mich wie einen Artikel benehmen,
und ich zeige alle Flexionsfälle ohne Schämen.
Ich teile Ihnen gerade mit
eine gute Nachricht Herr Schmidt!

Partizip I

Lässt sich "d" an den Infinitiv des Verbs anschließen,
siehst du die Flüsse der Adjektive fließen.
Dadurch bekommst du das Partizip I.
Der Vogelfänger jagt jetzt den Vogel vom Reis.
Der arme Vogel ist nicht gestorben, aber er weint.
Der weinende Vogel hat nur gezittert und meint:

Partizip II

Das Partizip II habe ihn erschossen.
Dies hat mich eigentlich verdrossen.
Denn das Partizip II ist meiner Meinung nach friedlich.
Ich zeig es dir; dann sagst du: Natürlich wie niedlich!
Vom Partizip Perfekt wird es eingeleitet:
Ich habe den Vogelfänger begleitet.
"Begleitet" wird also als Adjektiv behandelt;
und die Sache ist vor mir offen verhandelt.
......

Die schreckliche deutsche Sprache

"oder warum Mark Twain die deutsche Sprache hasste"

......
Nun zum Adjektiv. Hier haben wir einen Fall, in dem Einfachheit nein Vorzug gewesen wäre, und nur aus diesem und aus keinem anderen Grund hat der Erfinder das Adjektiv so kompliziert gestaltet, wie es eben ging. Wenn wir in unserer eigenen aufgeklärten Sprache von unserem „good friend“ oder unseren „good friends“ sprechen wollen, bleiben wir bei der einen Form, und es gibt deswegen keinen Ärger und kein böses Blut. Im Deutschen jedoch ist das anders. Wenn einem Deutschen ein Adjektiv in die Finger fällt, dekliniert und dekliniert und dekliniert er es, bis aller gesunde Menschenverstand herausdekliniert ist. Es ist so schlimm wie im Lateinischen. Er sagt zum Beispiel:

Singular
Nominativ: Mein guter Freund (my good friend)
Genitiv: Meines guten Freundes (of my good friend)
Dativ: Meinem guten Freunde (to my good friend)
Akkusativ: Meinen guten Freund (my good friend)

Plural
N.: Meine guten Freunde (my good friends)
G.: Meiner guten Freunde (of my good friends)
D.: Meinen guten Freunden (to my good friends)
A.: Meine guten Freunde (my good friends)

Nun darf der Kandidat fürs Irrenhaus versuchen, diese Variationen auswendig zu lernen – man wird ihn im Nu wählen. Vielleicht sollte man in Deutschland lieber auf Freunde verzichten, als sich all diese Mühe mit ihnen zu machen. Ich habe gezeigt, wie lästig es ist, einen guten (männlichen) Freund zu deklinieren; das ist aber erst ein Drittel der Arbeit, denn man muss eine Vielzahl neuer Verdrehungen des Adjektivs dazulernen, wenn der Gegenstand der Bemühungen weiblich ist, und noch weitere, wenn er sächlich ist. Nun gibt es aber in dieser Sprache mehr Adjektive als schwarze Katzen in der Schweiz, und sie müssen alle ebenso kunstvoll gebeugt werden wie das oben angeführte Beispiel. Schwierig? Mühsam? Diese Worte können es nicht beschreiben. Ich habe einen Studenten aus Kalifornien in Heidelberg in einem seiner ruhigsten Augenblicke sagen hören, lieber beuge er hundertmal beide Knie als auch nur einmal ein einziges Adjektiv, und es handelte sich nicht etwa um einen Turner.
......


[1] Eines der bekanntesten Gedichte zur arabischen Grammatik ist das von Ibn Mālik aus dem 13. Jahrhundert. Sein grammatisches Lehrgedicht ist unter dem Namen Alfiyyat al-Malik bekannt.

[2] Assem Attia Ali ist Germanist an der Kairo-Universität (mit 200.000 Studierenden eine der größten Universitäten der Welt).
Arabischer Titel: Ath-thulathuma'ati wa khamsun bayt al-bahiyya li 'asem ibn 'atiyya fi al-qawa'id al-almaniyya. (350 schöne Verse von Asem Ibn Atiyya über die Regeln des Deutschen).
Weil seine Studenten sich über die schwere deutsche Grammatik beklagten, hat er ein kleines Büchlein verfasst. Herr Assem Attia Ali liebt die deutsche Sprache leidenschaftlich (eigene Aussage) und hofft so mit dem Büchlein "Die deutsche Grammatik in Form von gereimter Dichtung" seinen Studenten eine Lösung anzubieten.

[3] siehe z.B: http://www.viaggio-in-germania.de/twain-schreckliche-dt-sprache.pdf