Wer auf der Suche nach Wissen hinauszieht, der ist auf dem Wege Gottes, bis er wiederkehrt.
Der Prophet Muhammad

Wissen

Wissen ist, was von Nutzen ist, Wissen ist nicht, was man auswendig gelernt hat. Das große Bestreben der Ulama ist das Gedeihen des Wissens, das große Bestreben der Unwissenden ist es, zu berichten [1].

Über 8 Jahrhunderte war Arabisch die Weltsprache [2]. Sie war die Wissenssprache nicht nur in quantitativer Hinsicht, so wie heute das Englische, sondern gerade wegen ihrer qualitativen Vorzüglichkeiten. El-Biruni, ein großer Gelehrter der damaligen Zeit [3] sprach einen persischen Dialekt. Seine Abhandlungen fasste er in Arabisch und nicht in seiner Muttersprache ab. Sein Motto: "Lieber im arabischen geschmäht als im persischen gelobt werden".

Wenn man erfahren möchte was "Wissen" etymologisch bedeutet, kann man in ein Bedeutungslexikon schauen und bekommt dort die Antwort: sehen, gesehen haben (gekürzt wiedergegeben). Man kann aber auch einen Blick auf die arabische Flexionsmatrix (siehe auch "Das Tor zur arabischen Sprache) werfen, ersetzt dann die Platzhalter durch die unscharfe Wurzel, das sind in unserem Beispiel die drei Konsonanten Ā L M (mit dem ungefähren Bedeutungsinhalt, "alles was im weitesten Sinne mit Wissen zu tun hat") und erhält dann in jedem Feld der Matrix klar abgegrenzte bedeutungstragende Wörter. Die Fülle der Bedeutungen die ein jedes Feld vermittelt und die Zusammenhänge der Felder untereinander ist beeindruckend. Spätestens jetzt wird einem klar, dass Arabisch nicht nur vorzüglich Wissen vermitteln kann, sondern selbst Teil des Wissens ist. An drei Beispielen möchte ich Ihnen das deutlich machen.


Bild 1: Die Wurzel Ā L M mit der ungefähren Bedeutung: "Alles
was im weitesten Sinne mit Wissen zu tun hat" am Beispiel des
II. und V. Stammes.
Beispiel 1: Aus den beiden Feldern des II. Stammes (lehren) und des V. Stammes (lernen) in der linken Spalte der Matrix (siehe Bild 1), lässt sich eine Lehrer-Schüler-Beziehung herauszulesen

Schon vom ersten Jahrhundert an entwickelte sich in der islamischen Gesellschaft eine einzigartige, fruchtbare Lehrer-Schüler-Beziehung, wie sie dem Abendland im Mittelalter und darüber hinaus unbekannt geblieben ist. Die Schüler lernten nicht nur aus Büchern, sondern in direkter Unterweisung vom Lehrer. Das erleichterte den Lernvorgang und bürgte für verlässliche Kenntnisse [4].

Die Beschäftigung mit den Wissenschaften war kein Privileg des Klerus, sondern stand allen Berufsgruppen offen. Hingegen war "Wissen für Alle" im mittelalterlichen Europa verpönt. Die Pythagoreer [5] sind nur ein Beispiel von vielen. Die Lehrer-Schüler-Beziehung, die Weitergabe des Wissens vom Lehrer auf seine Schüler, ist eine große Errungenschaft der arabisch-islamischen Welt. Aus der damaligen Zeit sind heute noch die Begriffe Lehrstuhl und Hörsaal lebendig.


Bild 2: Genauere Betrachtung des III. Stammes am Beispiel
der Wurzel Ā, L, M
Beispiel 2: Im obigen Beispiel hat uns die Flexionsmatrix etwas über die Vermittlung von Wissen mitgeteilt. Jetzt geht es um die "Gewinnung" von Wissen. Der III. Stamm (oder arabisch formuliert, die 2. Ableitung von Wissen) gibt Hinweise darauf, dass Wissen überall vorhanden ist.

Unser Gehirn kann gar nicht anders als denken. Und wenn wir etwas sehen, tasten (scannen) wir es intuitiv nach Wissen (oder schwächer: nach Informationen) ab, mehr oder weniger stark und soweit das Gesehene sein Wissen mehr oder weniger stark binden kann. Ein weites Feld, aber ich möchte auf etwas anderes hinaus. Wenn man dem abgeleiteten Verb Zeit und Handlung entzieht gelangt man zum Substantiv das mit Universum übersetzt werden kann. Aber Vorsicht: Das lateinische Wort Universum oder auch das altgriechische Wort Kosmos bedeuten ja Gesamtheit bzw. Ordnung. Beide Wörter verleiten uns diesen "großen Raum" in allen Einzelheiten verstanden zu haben. Im arabischen ist mit Wissen ausgefüllt. Wenn wir also über diesen "großen Raum" nachdenken gibt er uns immer auch etwas von seinem Wissen ab.

 


Bild 3: Genauere Betrachtung des II. Stammes am Beispiel
der Wurzel  Ā, L, M
Beispiel 3: In diesem Beispiel soll die verstärkende Wirkung des II. Stammes am Beispiel der Wurzel Ā L M in dreierlei Hinsicht verdeutlicht werden:

Erstens, die verstärkende Wirkung des II. Stammes in der Aussprache: Das L in der Mitte des Wortes wird intensiviert, d.h. die Zungenspitze verharrt länger am Gaumen als im Grundstamm.
Zweitens, die verstärkende Wirkung des II. Stammes in der Schrift: Über das L wird das Verdoppelungszeichen (Schadda) gesetzt.
Drittens, die verstärkende Wirkung des II. Stammes in der Bedeutung: Erst wenn man genügend "Wissen" erworben hat ist man selbst in der Lage "Wissen" weiterzugeben, "zu lehren".

Zum Schluss noch ein 1300 Jahre altes Gedicht.

Die große Anzahl an Wörtern, die eine einzige Wortwurzel (3 Konsonanten) erzeugen kann, hat auch die Dichter der damaligen Zeit inspiriert. Zu Weltruhm gelangten die Rubaiyat (Gedichte aus nur vier Zeilen) der orientalischen Poesie durch Omar Khayyām (Iran, 11. Jahrhundert). Al-Khalil Bin Achmad bedeutender Philologe aus Süd-Arabien (siehe auch "Historisches zur Sprachstruktur") hat bereits im 7. Jahrhundert Rubaiyats mit nur einer Wortwurzel verfasst. Im folgenden Beispiel teilt er die Gesellschaft in 4 Wissens-Kategorien ein, dabei benutzt er fasst ausschließlich nur die Wurzelkonsonanten Ā, L, M:

Wenn einer nicht weiß und er nicht weiß das er nicht weiß so ist er ein Dummkopf – meidet ihn!
Wenn einer nicht weiß und er weiß das er nicht weiß so sucht er Leitung – belehrt ihn!
Wenn einer weiß und er nicht weiß das er weiß so ist er vergesslich – erinnert ihn!
Wenn aber einer weiß und er weiß das er weiß so ist er ein Wissender – lernt von ihm!

Arabischer Vierzeiler
Al-Khalil Bin Ahmed, 7. Jahrhundert


[1] Der erste Satz stammt von Imam Schafii (* 767) und der zweite ist ein Hadith Mursal erwähnt von Ibn Askakir (* 1105).
Ulama = Gemeinschaft der Gläubigen

[2] Rede von “Carly” Fiorina, Geschäftsführerin des US-Technologieunternehmens Hewlett-Packard (HP) am 26.11.2001: Einst gab es eine Zivilisation die die größte der Welt war. Sie war in der Lage einen kontinentalen Super-Staat zu errichten der sich von Ozean zu Ozean und von den nördlichen bis zu den tropischen Klimazonen erstreckte. Innerhalb dieses Gebietes lebten hunderte Millionen von Menschen verschiedenster Glaubensrichtungen und ethnischer Herkunft. In diesem großen Staat blühten Frieden und Wohlstand in einem noch nie da gewesenen Maße. Das Ausmaß der Handelsbeziehungen reichte von Lateinamerika bis nach China.
Ihre Architekten entwarfen Gebäude mit überwältigender Anziehungskraft. Ihre Mathematiker gründeten die Algebra, Algorithmen und Chiffrierungsmethoden, welche den Bau von Computern erst ermöglichten. Ihre Ärzte entwickelten wirksame Heilmethoden gegen Krankheiten. Ihre Astronomen ebneten den Weg für die Erforschung des Weltraums.
Die moderne technologische Industrie würde heute nicht existieren ohne die Verbreitung der Mathematik durch die Araber. Eine Ihrer Sprachen wurde zu einer universellen Sprache und die größte der Welt.

[3] Vor tausend Jahren war die islamische Kultur der christlich-abendländischen weit überlegen. Ein großer Gelehrter dieses sogenannten goldenen Zeitalters des Islams war der persische Universalgelehrte Abu Raihan Mohammad Ibn Achmed Al-Baruni, der bereits begriffen hatte, dass die Erde keine Scheibe ist und den ersten Globus konstruierte,
siehe: Erdglobus von El-Biruni (Nachbildung), Institut für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften an der Goethe-Universität in Frankfurt / Main. Institutsleiter: Fuat Sezgin. Virtuelles Museum: https://www.uni-frankfurt.de/59012099/Museum

siehe auch: Spektrum der Wissenschaften:
http://www.spektrum.de/alias/wissenschaftsgeschichte/al-biruni-ein-gelehrter-den-das-abendland-uebersah/827575

[4] Fuat Sezgin, Wissenschaft und Technik im Islam, Band I, Seite 169ff, ISBN 3-8298-0067-3

[5] In der griechischen Tradition sind die Geheimhaltung des Wissens, die Heimlichkeit des Bundes und die damit zusammenhängende Auffassung vom Wissen als Weihe konstitutiv für die Pythagoreer. Die Lehre des Pythagoras verbindet sich mit der Lebensform einer geschlossenen Gemeinschaft.... aus: "Anschauen und Denken, Reden und Schreiben" von Kiran Desai-Breun, Seite 143ff, ISBN 978-3-8260-3484-8