Johann Wolfgang von Goethe und der Qur'an

Glauben und Unglauben teilen sich in Oberes und Unteres; Himmel und Hölle sind den Bekennern und Leugnern zugedacht. Nähere Bestimmung des Gebotenen und Verbotenen, fabelhafte Geschichten jüdischer und christlicher Religion, Amplifikationen aller Art, grenzenlose Tautologien und Wiederholungen bilden den Körper dieses heiligen Buches, das uns, so oft wir auch darangehen, immer von neuem anwidert, dann aber anzieht, in Erstaunen setzt und am Ende Verehrung abnötigt.

Johann Wolfgang von Goethe
(aus: Noten und Abhandlungen zum West-östlichen Divan)

Goethe hatte ein sehr inniges Verhältnis zum Qur'an [1], zum Islam [2] und zur arabischen Sprache [1]. Ohne Goethe zu kritisieren eher nur als kleine Korrektur zu verstehen möchte ich darauf hindeuten, dass nur auf den ersten Blick Amplifikationen, Tautologien und Wiederholungen aus dem Qur'an herauszulesen man meint. Beim genaueren Hinsehen verhält es sich eben doch etwas anders. Der Qur'an mag eine Nähe zur Poesie haben ist aber keine Poesie. Der Qur'an hat seinen eigenen, niemals kopierten Schreibstil (dazu mehr im Kapitel "Historisches zur Sprachstruktur"). Die 3 unten aufgeführten Beispiele mögen dies erahnen lassen.

Die verborgenen Schönheiten der arabischen Sprache im Qur'an

Amplifikationen:
Unter Amplifikationen versteht man in der Linguistik Attribute zur Ausschmückung einer Aussage. In den beiden nebenstehenden Versen aus dem Qur'an könnte man meinen, dass die beiden rot gedruckten Satzteile so eine Ausschmückung sind. Bei genauerer Betrachtung dürfen die rot gedruckten Satzteile aber nicht einfach vertauscht werden. Denn, die erste Aussage bezieht sich auf die Gegenwart und die zweite Aussage ist eine zukünftige. Auch zu Goethes Lebzeiten existierten Feuer und Wasser auf dem Meeresboden gleichzeitig, nur wusste das damals noch keiner. Erst die moderne Meeresforschung bestätigt die erste Aussage.

Tautologien:
Unter Tautologie versteht man in der Sprache die Wiedergabe des gleichen Sachverhalts durch ähnliche Wörter (Synonyme). Auch semantische Redundanz genannt. Auf den ersten Blick könnte man meinen, die rot gedruckten Satzteile in den nebenstehenden Qur'anversen vertauschen zu können. Bei genaueren Hinsehen (aus Platzgründen wurde ein Teil des arabischen Textes weggelassen) erkennt man das im ersten Vers der Sprecher Gott ist und im zweiten Vers der Sprecher ein Mensch (nämlich der Gehilfe vom Prophet Moses) ist. Für Menschen ist es ein Wunder, wenn ein Fisch vom Korb den Weg zurück ins Wasser findet, für Gott nicht!

Wiederholungen:
Wiederholungen in der Literatur sind manchmal unausweichlich um gewisse Sachverhalte (im Geiste) zu festigen. Wiederholungen im Qur'an dienen aber noch anderen Zwecken. Im nebenstehenden Text ist das Wort Erschwernis mit dem Artikel "der" determiniert, somit ist mit der Erschwernis immer die gleiche Erschwernis gemein. Das Wort Erleichterung ist indeterminiert, somit müssen beide Erleichterungen nicht unbedingt identisch sein. Wiederholungen im Qur'an dienen nicht nur dem Zweck Wissen zu "untermauern" sondern sind auch ein Schlüssel zu neuen Erkenntnissen.

 


[1] Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832) brachte seine Begeisterung über die ihm bekannten arabisch-islamischen Quellen folgendermaßen zum Ausdruck:

"Wollen wir an diesen Produktionen der herrlichsten Geister teilnehmen, so müssen wir uns orientalisieren, der Orient wird nicht zu uns herüber kommen. Und obgleich Übersetzungen höchst löblich sind, um uns anzulocken, einzuleiten, so ist doch aus allem Vorigen ersichtlich, dass in dieser Literatur die Sprache als Sprache die erste Rolle spielt. Wer möchte sich nicht mit diesen Schätzen an der Quelle bekannt machen!"

 

... und er gelangte durch dieses Studium zur Überzeugung, daß ”in keiner Sprache vielleicht Geist, Wort und Schrift so uranfanglich zusammengekörpert“ seien wie im Arabischen.
Borchmeyer; vgl. ferner Mommsen: Goethe und die arabische Welt, Insel-Verlag, Frankfurt 1988, ISBN 3-458-14624-5

[2] Goethe und der Islam, von Katharina Mommsen, insel taschenbuch, 2001, ISBN 3-458-34350-4
Im Vorwort von Peter-Anton von Arnim heißt es:

Goethes Verhältnis zum Islam gehört zu den erstaunlichsten Phänomenen in seinem Leben. Für die Religion der Muslime entwickelte er früh eine besondere Anteilnahme. Von seiner Verehrung für den Islam zeugt vor allem jenes Werk, das uns heute, neben dem Faust, als eines seiner wesentlichsten dichterischen Vermächtnisse gilt, der West-östliche Divan.