Historisches zur Sprachstruktur

Deutschland sucht den Superstar oder Germany's Next Topmodel sind keine Erfindungen unserer modernen Medienzeit, auch schon im vorislamischen Arabien (ca. 500 n. Chr.) gab es die Suche nach einem Superstar, allerdings in der Gattung Gedichte.
Der damalige Gedichtwettbewerb fand in der Nähe von Mekka statt. Eine Jury aus Sprachexperten bewerteten die vorgetragenen Gedichte. Die besten nannte man Mu'allaqat, sie wurden auf Leinen gedruckt und an der Kaaba in Mekka ausgehangen, damit sie jeder lesen konnte.

Goethe schrieb über die Gedichte der damaligen Zeit:

Bei den Arabern finden wir herrliche Schätze an den Moallakat [1]

Zu den bekanntesten Vertretern der vorislamischen Poesie gehörten Imru' al-Qais, Ibn Shaddad al-'Absi, Tarafa und An Nabigha.
In der arabischen Poesie gibt es 16 rhythmische Muster die zusammen die Al-Bihar (die Meere) bilden. Jedes dieser Muster hat einen eigenen Namen der die Stilrichtung kennzeichnet [2]. Und so wie sich Wasserwellen überlagern und die Meere zum Toben bringen, so versetzen die rhythmischen Muster die Sprache in ein tobendes literarisches Meer das die Zuhörer begeistert. El-Bihar steht für die arabische Poesie, während Saj' [3] für die arabische Prosa steht. Das, was die Araber wirklich gut zu tun vermochten war im Reichtum Ihrer Sprache zu schöpfen. Handlung und Sprache verschmelzen zu einem Teil ihres Wesens und Charakters.

Qadi 'Ijad schrieb dazu folgendes:

Die Araber waren die Meister des sprachlichen Ausdrucks. Ihnen wurden Eloquenz und Aphorismen gegeben, über die kein anderes Volk verfügte. Ihre Zunge hatte eine Schärfe die alles Überragte und eine Schärfe, die zum Herzen einer Bedeutung vordringt. Sie verfassen Gedichte um Leute zu erheben oder zu erniedrigen. Durch die Verwendung der Sprache betreiben sie erlaubte Magie mit der sie den Verstand täuschen können, das Schwierige leicht erscheinen lassen, alte Fehden beenden, antike Ruinen wiederbeleben, Feiglinge ermutigen, geschlossene Fäuste öffnen und das Fehlerhafte perfektionieren.... [4]

Bis in die heutige Zeit ist noch vieles davon erhalten geblieben. Beispielsweise haben arabisch sprechende Kinder (im Vorschulalter) auf Fragen spontan eine Antwort parat, die den Fragesteller schon in Staunen versetzt, weil die Antwort nicht nur phantasievoll formuliert, sondern meist auch in einer Gegenfrage gipfelt. Diese Fähigkeit erlaubt es ihnen mit vielen Situationen selbst fertig zu werden, eben, weil sie spontan zu sprechen vermögen (und es handelt sich hier um fünfjährige Kinder).

In dieser Zeit der außerordentlich schönen alten arabischen Poesie kam noch etwas Schöneres hinzu, etwas das Erstaunen erweckte, weil es nicht mehr einzuordnen war unter der Vielzahl der dichterischen Stilmittel.

Der Al Qur'an Al-Karim (Der edle Qur'an) kam wie aus dem Nichts mit einem sprachlichen Stilmittel das bis heute einzigartig ist. Es ist nämlich die einzigartige Fusion von Poesie und Prosa. Es ist das Zusammenspiel von Gefühlsvermittlung (Poesie) und Informationsvermittlung (Prosa). Weder im Orient noch im Okzident gab und gibt es, mit Ausnahme des Qur'an, kein literarisches Werk das dieses Wunder zustande bringt.
Stellen Sie sich einfach mal vor, ein Dozent versucht Ihnen in einer Physikvorlesung das Farbenspiel bei einem Sonnenuntergang poetisch zu erklären. Ich denke er wäre nach kürzester Zeit bald sein einziger Zuhörer. Umgekehrt sieht es aber nicht besser aus. Das Farbenspiel beim Sonnenuntergang am Strand zu genießen ist schön, es sich aber an diesem Ort von einem Physiker wissenschaftlich erklären zu lassen wäre schon aus emotionalem Anlass nicht angebracht.
Wissen verdrängt Gefühl. Und, Gefühl begnügt sich mit Erahnung von Wissen (Gänsehautwissen). Beide passen irgendwie nicht recht zusammen, außer, im Qur'an.

Deshalb wird der Qur'an auch i'gaz al-qur'an genannt, die wunderbare Natur des Qur'an. Der i'gaz ist das sprachliche Stilmittel des Qur'an. Den ungefähren Bedeutungsinhalt der drei Konsonanten i', g ,z [5] kann man mit "unmöglich sein" beschreiben. Auf den Qur'an bezogen bedeutet es "Das Unnachahmbare". Der Qur'an ist in erster Linie etwas Vortragendes [6] und in zweiter Linie eine Niederschrift. Damit das geschriebene Wort annähernd mit der gleichen Intension über das Auge in das Herz des Lesers vordringt wie das vorgetragene Wort über das Ohr das Herz des Höres erreicht [7], bedarf es dieses großartigen und unnachahmbaren sprachlichen Stilmittel i'gaz:

Es sind diese absichtlich ausgelassenen gedanklichen Zwischenstufen damit die Endidee umso wirksamer zum Ausdruck kommt.

Die Sprache der vorislamischen Poesie und des Qur'an ist die Lughra-Fusha (اللغَّة الفُصْحى), die Beredsame, die Wortgewandte, die Wortgewaltige. Die Meister der arabischen Sprache, also die Dichter und Sprachgelehrten der damaligen Zeit hatten Gelegenheit genug auf die sprachliche Herausforderung des Qur'an eine angemessene Erwiderung zu finden. Der Qur'an war ihnen ein "Dorn im Auge" und sie taten alles daran in zu bekämpfen, doch bei all ihren Bemühungen die sie aufbrachten fanden sie im Qur'an nicht einen einzigen Fehler, ob grammatikalischer oder stilistischer Natur. Ein Fehler hätte schon ausgereicht um den Qur'an in aller Öffentlichkeit lächerlich zu machen und ihn zu widerlegen, aber es gelang ihnen nicht [8].

Auch heute versucht man den Qur'an auf sprachlicher Ebene zu widerlegen. Doch sollte man sich immer wieder vor Augen halten, dass es den damaligen Qur'an Gegnern in ihrer Muttersprache und Kennern der sprachlichen Gepflogenheiten auch nicht möglich war.

Seit dem 7. Jahrhundert bis heute haben hunderte namhafte Sprachgelehrte und deren Schüler tausende Bücher über die Lughra-Fusha herausgegeben [9], Wörterbücher, Grammatikbücher, Bücher über die "Wissenschaft der Ableitung", Phonetikbücher und vieles mehr. Ab Mitte des 9. Jahrhunderts fand eine epochale Richtungsweisung in der arabischen Lexikografie statt von der wir heute noch alle profitieren. Erstmals wurde ein außersprachliches Kriterium als Motiv für die Wahl der Wörter in den Wörterbüchern genannt, nämlich die "Benutzerfreundlichkeit".

Der neue und durchaus revolutionäre Gedanke war, dass ein Lexikon nicht ein Buch wie jedes andere, ein Buch zum Durchlesen und gegebenenfalls Auswendiglernen ist, sondern ein Buch, in dem man ein einzelnes Wort, das man nicht kennt, gezielt nachschlagen kann, ohne dem Rest des Buches weitere Beachtung schenken zu müssen [10].

Einige Wörterbücher waren ab jetzt nicht nur benutzerfreundlich, sondern zugleich ein hilfreiches "Werkzeug" für Dichter. In diesen Wörterbüchern wurden Wörter nach ihrem Endkonsonanten angeordnet denn, für einen Dichter ist nicht der erste Konsonant eines Wortes maßgeblich, sondern der letzte, der sogenannte Reimkonsonant.

Bei allen großartigen sprachlichen Errungenschaften arabischer Philologen muss man eines immer im Auge behalten:

Es ist der Qur'an an dem sich bis heute die Sprachgelehrten orientieren. Nicht der Qur'an hat sich über die 1500 Jahre verändert, sondern die arabischen Sprachgelehrte haben immer wieder weitere Aspekte aus dem Qur'an aufgedeckt.

Bild 1 zeigt Ihnen eine kleine Auswahl von Sprachgelehrten die sich seit dem 6. Jahrhundert am Qur'an orientierten und orientieren.

Arabische Sprachgelehrte über die Jahrtausende

Bild 1: Namhafte Sprachgelehrte orientieren sich über die Jahrhunderte am Qur'an. Aus Platzgründen nur bis zum 17. Jahrhundert und nur eine kleine Auswahl. Eine vollständige Übersicht finden Sie im Buch Dictionary of the Holy Qur'an (siehe unter Literatur).

Bereits im 7. Jahrhundert schrieb Sibwaih als erster die arabischen Grammatikregeln auf, und im gleichen Jahrhundert kam auch das erstes Wörterbuch, Kitab-el-Ain, von Khalil bin Achmed heraus. Aus dem 11. Jahrhundert stammt ein von Ibn Manzour bis heute in hoher Auflage erscheinendes 18 bändiges Wörterbuch, Die Zunge der Araber (Lisan Al-Arab) [11]. Zum Vergleich, der DUDEN ist um 800 Jahre jünger und zum Kitab-el-Ain sogar 1100 Jahre.

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[1] Aus GOETHE UND DIE MOALLAKAT von Katharina Mommsen, Akademie-Verlag Berlin, 1961.
Goethe meinte mit Moallakat die Ausgehangenen (Gedichte an der Kaaba).

[2] Im Einzelnen sind diese 16 rhythmische Muster:
1. Al-Tawil 2. Al-Bassit 3. Al-Wafir 4. Al-Kamil 5. Al-Rajs 6. Al-Khafif 7. Al-Hazaj, 8. Al-Muttakarib 9. Al-Munsarih
10. Al-Muktatab 11. Al-Muktadarak 12. Al-Madid 13. Al-Mujtath 14. Al-Ramel 15. Al-Khabab 16. Al-Saria

[3] Eine weitere arabische Prosaform ist der Mursal, weitere Informationen:
Kleine Geschichte der arabischer Literatur, Wiebke Walther, ISBN: 978-3-406-52243-7

[4] Qadi (Richter) 'Ijad, aus seinem Buch "Kitab Asch-Schifa" (Buch der Heilung), um das Jahr 1115 (n. Ch.).
Der volle Titel des Buches lautet: „Asch-Schifa bi ta’rif Huquq Al-Mustafa“ (nur in Original erhältlich)

[5] Der Konsonant i' ist das tief in der Kehle gesprochene Ain und nicht mit dem Vokal i zu verwechseln.

[6] Das erstes Wort im Qur'an lautet Iqra (lies, rezitiere) mit den gleichen Wurzelkonsonanten wie das Wort Qur'an. Das Wort Qur'an bedeutet linguistisch nichts anderes als "Vortragendes".

[7] Der sprachliche Vortrag sollte wenn möglich immer vorgezogen werden, denn allein schon die Wahrheit hören, und damit meine ich das arabische Wort haq ist ein akustischer Genuss.
Vertiefende Informationen erhalten Sie in: ULUM AL-Qur'an "Einführung in die Koranwissenschaften" von Achmad von Denffer, die englische Originalausgabe hat die ISBN 0 86037 248 0, die Übersetzung ins Deutsche findet man auch im Internet unter: http://www.islamicbulletin.org/german/ebooks/koran/quranwissenschaft_ahmad_von_denffer.pdf

[8] Selbst das Wort Fehler taucht nicht ein einziges Mal im Qur'an auf.

[9] „Ehre, dem Ehre gebührt – die Araber haben für ihre Sprache getan, was kein anderes Volk der Erde aufzuweisen vermag.“ (Max Grünert: Die Imala, der Umlaut im Arabischen. 1876)

[10] Das Pflanzenbuch des Abu Hanifa ad-Dinawari, Inhalt, Aufbau, Quellen, Seite 69, von Thomas Bauer, Otto Harrassowitz Verlag, ISBN 3-447-02822-X

[11] In der gesamten Weltliteratur kann sich nur noch die lexikographische Wissenschaft der Chinesen mit der arabischen Lexikographie messen. Wieviel Opfer an Lebenszeit und Lebensgenuss, wieviel unermüdliche Sammelarbeit und wieviel jahrelange Geduld das Kompilieren eines Riesenwerks wie des Lisan al-Arab kostete, vermögen wir heute kaum noch zu ahnen.“ (Stefan Wild: Das Kitab al-'Ain und die arabische Lexikographie. 1965, ISBN 3447010444