Die Blicke erfassen IHN nicht, ER aber erfasst die Blicke.
Qur'an: 6:103

Zeitlosigkeit

Im Jahre 560 (n.Chr.) hat Amina, eine Frau, unter dem Himmel der glühenden Sandwüste der Arabischen Halbinsel die Eingebung erhalten: "Nenne dein Kind, das du unter deinem Herzen trägst Muhammad". Und mit dem Kind kam auch der Name auf die Welt. Vorher hieß kein Mann Muhammad. Weit über die Arabische Halbinsel hinaus drang der Name bis nach Rom und wurde im lateinischen zu Benedikt [1], mit der gleichen Bedeutung wie Muhammad, "Der Hochgepriesene". Propheten haben einzigartige Namen die sie als solche kennzeichnen.

Ein Name entsteht nicht einfach so aus dem Nichts, sondern es gibt ihn schon lange als Wort in der Matrix der Flexionen. Die Wörter in den Feldern der Matrix warten förmlich darauf "geweckt" zu werden um Personen oder Dinge zu benennen. Nun kann man sich die Frage stellen, gab es den damals schon, zur Zeit des Propheten Muhammad die ganzen ausgereiften arabischen Grammatikregeln in Schriftform, so wie wir sie heute kennen? Nein, natürlich nicht! Ich habe bereits teilweise im Kapitel "Historisches zur Sprachstruktur" darauf hingewiesen.
Die Sprachstruktur hat sich um die klaren deutlichen Worte im Qur'an entwickelt. Es ist wichtig festzuhalten, dass sich nicht der Qur'an an der arabischen Grammatik orientiert, sondern die arabische Grammatik [2] am Qur'an. Die arabische Grammatik ist über den Qur'an und die vorislamische Poesie in den "Köpfen" der Menschen existent aber eben noch nicht schriftlich fixiert.
Ein ganz normaler Lauf der Dinge. Beispielsweise ist das Verhältnis von Kreis und Durchmesser auch ohne eine von Menschen niedergeschriebene mathematische Formel existent. Die Gesetzmäßigkeiten am Kreis ändern sich ja nicht durch eine von Menschen im Nachhinein aufgestellte Formel. Die Formel hilft, die Gesetzmäßigkeiten besser zu verstehen, sie schafft sie aber nicht. Und so ist das auch mit der arabischen Grammatik.

Der Name Muhammad ist an eine feste Position in der Matrix der Flexionen gebunden, auch wenn die Flexionsregeln noch nicht schriftlich fixiert waren. Die Matrix selbst ist allgemeingültig also unabhängig von den 3 Konsonanten (Wortwurzel) für die sie Platzhalter bereitstellt. Da sie für alle Wortwurzeln Gültigkeit besitzt und nicht nur für die Wurzel H M D aus der ja der Name Muhammad gebildet wird, ist die Matrix selbst Beweis genug. Denn, hätte man die Matrix an die Wurzel H M D angepasst, hätte dies sofortige Auswirkung auf die anderen (tausenden) Wortwurzeln gehabt und es würde nur noch ein einziges Wörterchaos herrschen.

Zeitlosigkeit der arabischen Sprache am Beispiel der Wurzel H M D


Bild 1:
Die Wurzel H M D, mit der ungefähren Bedeutung:
"Alles was im weitesten Sinne mit Preisen zu tun hat"
am Beispiel der beiden Partizipien.
Die arabische Sprache wird oft kritisiert wegen ihrer Starrheit an einer fest vorgegebenen Anzahl von Wörtern festzuhalten und sich nicht mit Fremd- bzw. Lehnwörtern zu "schmücken". Aber dies ist falsch und zeugt von einer großen Ignoranz gegenüber dieser Sprache. Die arabische Sprache ist alles andere als starr. Im Gegenteil, in Form der Matrix der Flexionen besitzt sie ein großes Potential an Wörtern die jederzeit abrufbar sind. Dadurch ist sie der Inbegriff der Dynamik par excellence. Quasi aus sich selbst heraus liefert sie Namen aus ihrem reichhaltigen Angebot an Wörtern. Und zwar so reichhaltig das die Millionengrenze weit überschritten wird. So ist diese Sprache nicht abhängig von Fremdwörtern die, anders als bei den meisten anderen Sprachen, hier zu Fremdkörpern verkümmern würden, da sie absolut in kein Schema (Wortbildungsmuster) hineinpassen.

Als das Wort Muhammad für eine große Sache gebraucht wurde war es schon vorhanden. Es musste nicht erst "erzeugt" werden. Dieses Wort hat einen grammatikalischen Nachbarn und zwar Muhammid, das Partizip Aktiv des II. Stammes. Es schlummert noch, denn z.Z. gibt es in der arabischen Welt keinen Namen Muhammid, Bedenkt man, dass der Name Muhammad an einen Propheten vergeben wurde und soviel wie Hochgepriesener, Hochausgezeichneter bedeutet, so kann der Auszeichner also Muhammid eigentlich nur Gott sein, denn nur Gott kann Propheten auszeichnen. Aber das ist reine Spekulation von mir, und so wird das Wort Muhammid weiterhin auf seine Namensgebung warten.
Eigentlich wollte ich mit diesem Beispiel (und es gibt noch so viele mehr) meine eingangs formulierte These bekräftigen, dass die arabische Sprache weder altert noch sich verjüngt, dass sie nicht nur für eine Zeitepoche Gültigkeit hat sondern für alle Zeiten, dass sie das längst Vergangene bewahrt, das Gegenwärtige bereichert und noch genügend Wörter übrig hat die zukünftig sein werden, Inschah‘Allah.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Mögen Sie, liebe Leserin und lieber Leser, etwas Gefallen an der arabischen Sprache gefunden haben.

Fehlerbeseitigungen und Ergänzungen (Updates) werden sicher folgen.

Hinweis: Diese "Reise durch die arabische Sprache" soll nicht den Anschein erwecken andere Sprachen in den Schatten zu stellen. Im Gegenteil jede Sprache hat ihre Schönheiten, Besonderheiten und Einzigartigkeiten. Ich z.B. habe die deutsche Sprache quasi mit der Muttermilch aufgesogen und fühl mich in ihr "pudelwohl". Die arabische Sprache wollte ich, wie schon im ersten Kapitel erwähnt, nur etwas ins Licht rücken, damit sie hier in unseren europäischen Breiten, einen Fuß raus aus ihrem Schattendasein stellt.

Franz Morcinek (http://public.beuth-hochschule.de/~morcinek/)
Berlin, den 11.September 2015, 28 Dhul-Qada 1436

Erstes Update am 10. Juli 2018, 26 Schawwal 1439:
    - Kleinere grammatikalische Korrekturen.
    - Überprüfung und teilweise Korrektur der Weblinks.


[1] Der erste der den Namen Benedikt in Europa annahm war Papst Benedikt I. im Jahre 575.

[2] Nur zur Erinnerung: Mit arabischer Grammatik meine ich immer, wie auch Anfangs erwähnt, das klassische Hocharabisch und nicht das sogenannte moderne Hocharabisch der Gegenwart.