
Die arabische Sprache ist
unter anderem hervorragend geeignet wissenschaftlich-hypothetische und philosophische
Gedanken durch eine überzeugend flexible Grammatik und Syntax nahezu
verlustfrei formulierbar zu machen. Eine weitere hierzulande kaum bekannte Tatsache
dürfte sein, das Arabisch im höchsten Maß eine mathematische Sprache ist.
Dieser Artikel soll an einigen Beispielen etwas zur Aufklärung beitragen.
Arabisch ist eine
Buchstabensprache und besteht aus 28 Konsonanten. Das Zeichen
über oder unter einen Konsonanten gesetzt vokalisiert
diesen mit a oder i, und das Zeichen و über einen Konsonanten gesetzt vokalisiert
diesen mit u. Alle Konsonanten besitzen auch einen Zahlenwert mit
dem es aber heute nicht mehr üblich ist zu rechnen.
Das wohl herausragendste
mathematische Element in dieser Sprache ist die Wurzel. Alle
arabischen Wörter lassen sich mit wenigen Ausnahmen (Fremd- und Lehnwörtern)
auf drei Konsonanten, die so genannte Wurzel, reduzieren. Dieser Wurzel ist ein
ungefährer Bedeutungsinhalt zugeordnet der mit den arabischen Flexionsregeln („dehnen“,
„stauchen“, .... der Wurzelkonsonanten) für alle, der Wurzel zugehörigen
Wörter, konkretisiert wird. Ist mir also die Wurzel und sein ungefährer
Bedeutungsinhalt bekannt, kann ich bis zu 150 neue Wörter herausfinden
(ausrechnen)! Für Lernende dieser Sprache ein phantasievollerer Prozess als
monotones „Vokabel pauken“.
Es ist immer wieder ein
Genuss ein arabisches Wörterbuch in die Hand zu nehmen das nach Wurzeln sortiert
ist, denn anders als bei den Wortstämmen liegt die Wurzel doch eben tiefer und
lässt so, zumindest grammatikalisch, äußerst bemerkenswerte Zusammenhänge
erkennen.
Hier einige Beispiele:

(Die Lautsprache ist sehr
einfach gehalten, „a mit Punkt“ ist vom deutschen Vokal „a“ zu unterscheiden,
kann aber wie dieser ausgesprochen werden. Aus Drucktechnischen Gründen lass
ich den Punkt überm a bei fettgedruckter Lautschrift weg.)
Mit arabischen Wurzeln ist noch eine andere
faszinierende Eigenschaft verbunden. Die im deutschen so unterschiedlichen
Wörter wie Hochschule, Freitag, Batterie, besitzen im arabischen die gleiche
Wurzel:

Der ungefähre Bedeutungsinhalt dieser Wurzel hat „irgendwie
mit sammeln“ zu tun. Die ersten Hochschulen „Orte des sich (geistigen)
sammeln“ wurden nicht in Europa sondern in Fes (Marokko) und Kairuan (Tunesien)
errichtet. Die Wurzel, g,m,a, kann sowohl das alte arabische Wort gamia,
als auch den modernen technischen Begriff muga
ia
wiedergeben. Und jetzt kommt das eigentlich interessante: Die Flexionsregel die
zum Wort muga
ia
führt ist nicht nachträglich, also nach Erfindung der Batterie eingeführt worden,
sondern sie existiert genau solange wie die anderen grammatikalischen Regeln,
ungefähr 1400 Jahre. Ob das Wort muga
ia
vorher einen Sinn ergab sei dahingestellt, vielmehr „schlief es über viele
Jahrhunderte bis die Batterie es weckte“. Das Wort muga
ia
steht tatsächlich für die Ansammlung von Energie, für die „Ansammlung von
Menschen“ wird das Wort gumuaa, Freitag, verwendet. Arabisch nuanciert
sehr stark; von einem unscharfen Wurzelbegriff hin zu einem präzisen
Wortbegriff.
Mit Arabisch ist es möglich semantische Zeitreisen zu
unternehmen, denn es gibt weiterhin noch eine Vielzahl an Wörtern,
hervorgerufen durch den grammatikalischen Reichtum, die heute scheinbar
sinnleer und bedeutungslos erscheinen, in zukünftigen Zeiten vielleicht mit
Sinn „gefüllt“ werden.
Auch die Addition hat Ihren
festen Platz in der arabischen Sprache. Das Additionssymbol in Form eines kleinen
„w“ über einen Konsonanten gesetzt verstärkt diesen in seiner
Aussprache, d.h. der Konsonant wird 2 mal gesprochen. Das so entstandene neue
Wort erfährt meistens auch eine Verstärkung in seiner Bedeutung. Wie im obigen
Beispiel aufgeführt, wird aus der Wurzel g,m,a, nach Addition m + m =
und Flexion, das neue Wort muga
ia;
mit einer Bedeutungsverstärkung vom „sammeln“ zum „ansammeln“.
Ein weiterer integraler
Bestandteil der arabischen Sprache ist die Null (o oder
). Die Null
wird immer dann über einen Konsonanten gesetzt wenn anschließend eine
Sprechpause stattfindet. Bezeichnenderweise heißt diese Null nicht einfach nur
Ziffer, dies ist das arabische Wort für die (mathematische) Null, sondern sukun,
was große Stille bedeutet. Dieses sukun besitzt die gleiche Wurzel wie sakina,
die Gegenwart Gottes. Hier wird schon der unverkennbare sakrale
Charakter dieser Sprache sichtbar auf den ich später noch zu sprechen komme.
Alles in allem
eine Menge Mathematik für eine Sprache!
Zum
wissenschaftlich-hypothetischen Denken möchte ich ein Beispiel herausgreifen
das stellvertretend für viele steht. Das deutsche Wort wenn kann unter
anderem einen Konjunktiv oder eine Hypothese einleiten; allerdings ist dem wenn
dann nicht mehr anzusehen ob die Hypothese realisierbar ist oder nicht. Ohne
weitere Spezifizierung bleibt die Hypothese spekulativ. Das arabische kennt
diese Unterscheidungen. Der Konjunktiv wird mit dem Wort itha
eingeleitet. Eine realisierbare Hypothese wird mit dem Wort in
und eine nichtrealisierbare Hypothese wird mit dem Wort lau
eingeleitet. Beachtet man diese Feinheiten (und auch die vielen anderen) beim
übersetzen alter arabischer Texte so kristallisieren sich erstaunliche
Erkenntnisse und Prognosen heraus die über viele Jahrhunderte Bestand hatten
und haben.
Diese Feinheiten mussten
auch vor ca. 1000 Jahren beim Übersetzen des geballten abendländischen Wissens,
das damals nur noch in Arabisch vorlag, beachtet worden sein. Allerdings sind
die Übersetzer bei den sakralen arabischen Texten mit der „Heckenschere“ über
die sensiblen grammatikalischen Strukturen gegangen so dass am Ende ein
widersprüchlicher, unverständlicher, ja verfälschter Text vorlag.
Und was das philosophische
Denken betrifft hierzu einige Bemerkungen. Im arabischen ist eine zukünftige
Handlung deren Eintreffen gewiss ist, als Vergangenheitsform anzusehen. „Ich
werde Dir dies verkaufen“ ist im arabischen Perfekt. Hier ist das „Das
Ende ist schon aus dem Anfang bekannt“ des großen islamischen Mystiker J.
Rumi 1200 n.Chr. aus seinem Werk Von Allem und vom Einen besser zu
verstehen.
Das Arabische ist weiterhin in
der Lage zeitlich unbestimmte Aussagen zu machen. Es gib, gibt es nicht
im arabischen, es sei denn, dass es explizit zum Ausdruck gebracht werden soll.
Der Satz: „Der Hilbert Raum ist unendlich-dimensional“ ist grammatikalisch in
Ordnung und auch für die meisten Mathematiker „mathematisch inhaltlich“
richtig, er ist aber auf Grund seines Wortinhaltes zu bemängeln. Das deutsche
Hilfsverb sein impliziert, wie auch immer, einen Zeitabschnitt. Im
obigen Satz wirkt das Hilfsverb (ist) wie ein Operator auf „unendlich-dimensional“
und raubt, wegen seiner zeitlichen Beschränktheit, diesem Raum etwas von seiner
„Größe“.
Größen die unseren Verstand
übersteigen, werden in arabischen Sätzen nicht unnötig mit Hilfsverben belastet
sondern ruhen in sich selbst. Der fast erhabene grammatikalische Umgang mit
diesen Größen ist im arabischen bemerkenswert.
Bemerkenswert ist auch die
Aussprache, umfasst sie doch das ganze Spektrum menschlicher Laute. Von
gepressten Kehllauten über Knack-, Reibe- und emphatischen Lauten bis zu ganz
weit vorne mit Zungenspitze und Zähnen gesprochenes „th“, von denen es gleich
drei verschiedene gibt. So gesehen ist Arabisch eine Art Ursprache die alle
Muskeln unseres Sprechapparates beansprucht und damit auch für Sprachtherapeutische Zwecke
benutzt werden kann. Übrigens, bei korrekter Aussprache der Buchstaben n,
l und r entdeckt man Gemeinsamkeiten die man sonst bei diesen
Buchstaben nicht vermutet hätte.
Es gibt noch viel über diese
Sprache mit all Ihren sichtbaren und verborgenen Schönheiten zu sagen, mit Ihrer
schwungvollen Schrift und mit Ihrem wunderschönen Klang der beim rezitieren
alter Texte entsteht. Mir lag einfach nur daran diese Sprache etwas ins Licht
zu rücken, haftet ihr in unserem Kulturkreis immer noch überwiegend dunkles und
negatives an.
Eine Sprache mit einem
Formenreichtum an Flexionen und Modi, die sich nicht nur auf Verben
beschränken!
Eine Sprache die seit 14
Jahrhunderten in Ihrer grammatikalischen Struktur keine Veränderung erfahren
hat und doch wegen Ihrer Flexibilität in der Lage ist modernste
wissenschaftliche Begriffe wiederzugeben!
Eine Sprache die Ihre
Grammatik nicht anhand der (Umgangs)sprachlichen Realität, sondern von einer einzigen
Quelle, einem einzigen heiligen Buch, dem Al Qur’an Al Karim, dem heiligen Qur’an,
schöpft!
Goethe beschreibt in seinen Noten
und Abhandlungen zum West-östlichen Divan sehr treffend den schwierigen
Prozess einer Annäherung des Okzidents mit diesem heiligen Buch:
Glauben und
Unglauben teilen sich in Oberes und Unteres; Himmel und Hölle sind den
Bekennern und Leugnern zugedacht. Nähere Bestimmung des Gebotenen und Verbotenen,
fabelhafte Geschichten jüdischer und christlicher Religion, Amplifikationen
aller Art, grenzenlose Tautologien und Wiederholungen bilden den Körper dieses
heiligen Buches, das uns, so oft wir auch darangehen, immer von neuem anwidert,
dann aber anzieht, in Erstaunen setzt und am Ende Verehrung abnötigt.
...... und der Verstand
alleine kann die Wahrheit
nicht fassen.
Franz Morcinek
in einem der letzten
10 Nächte des Monats Rammadan (2001)