Arabische Wurzeln
Die Mathematik der arabischen Sprache

 













Franz Morcinek

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Die arabische Sprache ist unter anderem hervorragend geeignet wisssenschaftlich-hypothetische und philosophische Gedanken durch eine überzeugend flexible Grammatik und Syntax nahezu verlustfrei formulierbar zu machen. Eine weitere hierzulande kaum bekannte Tatsache dürfte sein, das Arabisch im höchsten Maß eine mathematische Sprache ist. Dieser Artikel soll an einigen Beispielen etwas zur Aufklärung beitragen.

Arabisch ist eine Buchstabensprache und besteht aus 28 Konsonanten. Das Zeichen über oder unter einen Konsonanten gesetzt vokalisiert diesen mit a oder i, und das Zeichen و über einen Konsonanten gesetzt vokalisiert diesen mit u. Alle Konsonanten besitzen auch einen Zahlenwert mit dem es aber heute nicht mehr üblich ist zu rechnen.

Das wohl herausragendste mathematische Element in dieser Sprache ist die Wurzel. Alle arabischen Wörter lassen sich mit wenigen Ausnahmen (Fremdund Lehnwörtern) auf drei Konsonanten, die so genannte Wurzel, reduzieren. Dieser Wurzel ist ein ungefährer Bedeutungsinhalt zugeordnet der mit den arabischen Flexionsregeln („dehnen“, „stauchen“, ... der Wurzelkonsonanten) für alle, der Wurzel zugehörigen Wörter, konkretisiert wird. Ist mir also die Wurzel und sein ungefährer Bedeutungsinhalt bekannt, kann ich bis zu 150 neue Wörter herausfinden (ausrechnen)! Für Lernende dieser Sprache ein phantasievollerer Prozess als monotones „Vokabel pauken“.

Es ist immer wieder ein Genuss ein arabisches Wörterbuch in die Hand zu nehmen das nach Wurzeln sortiert ist, denn anders als bei den Wortstämmen liegt die Wurzel doch eben tiefer und lässt so, zumindest grammatikalisch, äußerst bemerkenswerte Zusammenhänge erkennen.

Hier einige Beispiele:

 

(Die Lautsprache ist sehr einfach gehalten, „a mit Punkt“ ist vom deutschen Vokal „a“ zu unterscheiden, kann aber wie dieser ausgesprochen werden. Aus Drucktechnischen Gründen lass ich den Punkt überm a bei fettgedruckter Lautschrift weg.)

Mit arabischen Wurzeln ist noch eine andere faszinierende Eigenschaft verbunden. Die im deutschen so unterschiedlichen Wörter wie Hochschule, Freitag, Batterie, besitzen im arabischen die gleiche Wurzel:

 

 

Der ungefähre Bedeutungsinhalt dieser Wurzel hat „irgendwie mit sammeln“ zu tun. Die ersten Hochschulen „Orte des sich (geistigen) sammeln“ wurden nicht in Europa sondern in Fes (Marokko) und Kairuan (Tunesien) errichtet. Die Wurzel, g,m,a, kann sowohl das alte arabische Wort gamia, als auch den modernen technischen Begriff mugaia wiedergeben. Und jetzt kommt das eigentlich interessante: Die Flexionsregel die zum Wort mugaia führt ist nicht nachträglich, also nach Erfindung der Batterie eingeführt worden, sondern sie existiert genau solange wie die anderen grammatikalischen Regeln, ungefähr 1400 Jahre. Ob das Wort mugaia vorher einen Sinn ergab sei dahingestellt, vielmehr „schlief es über viele Jahrhunderte bis die Batterie es weckte“. Das Wort mugaia steht tatsächlich für die Ansammlung von Energie, für die „Ansammlung von Menschen“ wird das Wort gumuaa, Freitag, verwendet. Arabisch nuanciert sehr stark; von einem unscharfen Wurzelbegriff hin zu einem präzisen Wortbegriff.

Mit Arabisch ist es möglich semantische Zeitreisen zu unternehmen, denn es gibt weiterhin noch eine Vielzahl an Wörtern, hervorgerufen durch den grammatikalischen Reichtum, die heute scheinbar sinnleer und bedeutungslos erscheinen, in zukünftigen Zeiten vielleicht mit Sinn „gefüllt“ werden.

Auch die Addition hat Ihren festen Platz in der arabischen Sprache. Das Additionssymbol in Form eines kleinen „w“ über einen Konsonanten gesetzt verstärkt diesen in seiner Aussprache, d.h. der Konsonant wird 2 mal gesprochen. Das so entstandene neue Wort erfährt meistens auch eine Verstärkung in seiner Bedeutung. Wie im obigen Beispiel aufgeführt, wird aus der Wurzel g,m,a, nach Addition m + m = und Flexion, das neue Wort mugaia; mit einer Bedeutungsverstärkung vom „sammeln“ zum „ansammeln“.

Ein weiterer integraler Bestandteil der arabischen Sprache ist die Null (o oder ). Die Null wird immer dann über einen Konsonanten gesetzt wenn anschließend eine Sprechpause stattfindet. Bezeichnenderweise heißt diese Null nicht einfach nur Ziffer, dies ist das arabische Wort für die (mathematische) Null, sondern sukun, was große Stille bedeutet. Dieses sukun besitzt die gleiche Wurzel wie sakina, die Gegenwart Gottes. Hier wird schon der unverkennbare sakrale Charakter dieser Sprache sichtbar auf den ich später noch zu sprechen komme.

Alles in allem eine Menge Mathematik für eine Sprache!

Zum wissenschaftlich-hypothetischen Denken möchte ich ein Beispiel herausgreifen das stellvertretend für viele steht. Das deutsche Wort wenn kann unter anderem einen Konjunktiv oder eine Hypothese einleiten; allerdings ist dem wenn dann nicht mehr anzusehen ob die Hypothese realisierbar ist oder nicht. Ohne weitere Spezifizierung bleibt die Hypothese spekulativ. Das arabische kennt diese Unterscheidungen. Der Konjunktiv wird mit dem Wort itha eingeleitet. Eine realisierbare Hypothese wird mit dem Wort in und eine nichtrealisierbare Hypothese wird mit dem Wort lau eingeleitet. Beachtet man diese Feinheiten (und auch die vielen anderen) beim übersetzen alter arabischer Texte so kristallisieren sich erstaunliche Erkenntnisse und Prognosen heraus die über viele Jahrhunderte Bestand hatten und haben.

Diese Feinheiten mussten auch vor ca. 1000 Jahren beim Übersetzen des geballten abendländischen Wissens, das damals nur noch in Arabisch vorlag, beachtet worden sein. Allerdings sind die Übersetzer bei den sakralen arabischen Texten mit der „Heckenschere“ über die sensiblen grammatikalischen Strukturen gegangen so dass am Ende ein widersprüchlicher, unverständlicher, ja verfälschter Text vorlag.

Und was das philosophische Denken betrifft hierzu einige Bemerkungen. Im arabischen ist eine zukünftige Handlung deren Eintreffen gewiss ist, als Vergangenheitsform anzusehen. „Ich werde Dir dies verkaufen“ ist im arabischen Perfekt. Hier ist das „Ende schon aus dem Anfang bekannt“.

Das Arabische ist weiterhin in der Lage zeitlich unbestimmte Aussagen zu machen. Es gib, gibt es nicht im arabischen, es sei denn, dass es explizit zum Ausdruck gebracht werden soll. Der Satz: „Der Hilbert Raum ist unendlich-dimensional“ ist grammatikalisch in Ordnung und auch für die meisten Mathematiker „mathematisch inhaltlich“ richtig, er ist aber auf Grund seines Wortinhaltes zu bemängeln. Das deutsche Hilfsverb sein impliziert, wie auch immer, einen Zeitabschnitt. Im obigen Satz wirkt das Hilfsverb (ist) wie ein Operator auf „unendlich-dimensional“ und raubt, wegen seiner zeitlichen Beschränktheit, diesem Raum etwas von seiner „Größe“.

Größen die unseren Verstand übersteigen, werden in arabischen Sätzen nicht unnötig mit Hilfsverben belastet sondern ruhen in sich selbst. Der fast erhabene grammatikalische Umgang mit diesen Größen ist im arabischen bemerkenswert.

Bemerkenswert ist auch die Aussprache, umfasst sie doch das ganze Spektrum menschlicher Laute. Von gepressten Kehllauten über Knack-, Reibe- und emphatischen Lauten bis zu ganz weit vorne mit Zungenspitze und Zähnen gesprochenes „th“, von denen es gleich drei verschiedene gibt. So gesehen ist Arabisch eine Art Ursprache die alle Muskeln unseres Sprechapparates beansprucht und damit auch für Sprachtherapeutische Zwecke benutzt werden kann. Übrigens, bei korrekter Aussprache der Buchstaben n, l und r entdeckt man Gemeinsamkeiten die man sonst bei diesen Buchstaben nicht vermutet hätte.

Es gibt noch viel über diese Sprache mit all Ihren sichtbaren und verborgenen Schönheiten zu sagen, mit Ihrer schwungvollen Schrift und mit Ihrem wunderschönen Klang der beim rezitieren alter Texte entsteht. Mir lag einfach nur daran diese Sprache etwas ins Licht zu rücken, haftet ihr in unserem Kulturkreis immer noch überwiegend dunkles und negatives an.

Eine Sprache mit einem Formenreichtum an Flexionen und Modi, die sich nicht nur auf Verben beschränken! Eine Sprache die seit 14 Jahrhunderten in Ihrer grammatikalischen Struktur keine Veränderung erfahren hat und doch wegen Ihrer Flexibilität in der Lage ist modernste wissenschaftliche Begriffe wiederzugeben! Eine Sprache die Ihre Grammatik nicht anhand der (Umgangs)sprachlichen Realität, sondern von einer einzigen Quelle, einem einzigen heiligen Buch, dem Al Qur’an Al Karim, dem heiligen Qur’an, schöpft!

Goethe beschreibt in seinen Noten und Abhandlungen zum West-östlichen Divan sehr treffend den schwierigen Prozess einer Annäherung des Okzidents mit diesem heiligen Buch:

Glauben und Unglauben teilen sich in Oberes und Unteres; Himmel und Hölle sind den Bekennern und Leugnern zugedacht. Nähere Bestimmung des Gebotenen und Verbotenen, fabelhafte Geschichten jüdischer und christlicher Religion, Amplifikationen aller Art, grenzenlose Tautologien und Wiederholungen bilden den Körper dieses heiligen Buches, das uns, so oft wir auch darangehen, immer von neuem anwidert, dann aber anzieht, in Erstaunen setzt und am Ende Verehrung abnötigt.

...... und der Verstand alleine kann die Wahrheit nicht fassen.




Franz Morcinek
in einem der letzten 10 Nächte des Monats Rammadan (2001)


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