Aquarellreise- Sorrento, Italien

Ich begrüße Sie alle zur sechsten Vernissage der Reihe „Auf dem Weg zur Farbe.“ Fast jedes Semester reisen wir vom Fach „Freie Darstellung“ mit einer Gruppe Studenten zu einem Ort im Mittelmeerraum.  Dieses Semester sind wir nach Sorrento, südlich von Neapel, gefahren, ein Halbinsel im Schatten des Vesuvs. Ein Ort mit Zitronenbäumen und Limoncello, mit temperamentvollen Menschen und Sfogliatella.

Vor ca. vier Jahren wurde diese Reihe von Prof. Yadegar Asisi mit einem bestimmten Zweck initiiert. Architektur-Studenten, die später in ihrem Berufsleben Aufgaben, die nicht nur eine technische, sondern auch eine ästhetische Komponente haben, sollen sich während ihres Studiums die Gelegenheit haben, intensiv mit Farbe auseinandersetzen. Es ist auch wichtig, dass angehende Architekten, frühzeitig damit lernen umzugehen. Mit der Ausstellung ihrer Arbeiten sollen sie sich der öffentlichen Meinung stellen. Schließlich werden wir nicht nur ihre Bauwerke bewundern, sondern auch darin arbeiten und wohnen.

Was machen die Studenten, wenn sie dort angekommen sind, wo gemalt wird? Sie organisieren ein Abendessen auf der Hotelterrasse, gehen essen in Restaurants, schauen das Meer an, kaufen Wein ein, usw. Sie gewöhnen sich an billigen Hotelzimmer, sind übermüdet und wollen schöne Orte besuchen, die sie nie gesehen haben. Aber... gleich am ersten Tag wird wieder bewusst, warum wir überhaupt verreist sind: Nämlich um Aquarelle zu malen. Und dabei irgendwie in den Farben einzutauchen. Viele von den zweifeln am Gebrauch derer schönen sauberen Aquarellkasten und Pinseln, und an den schönen weißen Papierblöcken. Und die schönen Motive bestehen aus alten Gemäuern und Bäumen, die irgendwie grün sein sollen. Autos stehen überall. Touristen und Einheimische blicken einem über der Schulter.

Wenn Sie, liebe Gäste, die Bilder dieser Ausstellung betrachten, sehen Sie die freudige Resultate der vorhin erwähnten Ablenkungen und Anstrengungen. Durch das Malen und die Farben ändert sich die Wahrnehmung. Die Umgebung wird ein Antrieb, der die Aquarellfarben über das Papier laufen läßt. Die Farben leben fast eigenständig: eine Farbe will gedämpft werden, die andere schreit und einige wollen eine Komplementärfarbe in ihrer Nähe. Der Künstler regelt diese Wünsche, bringt sich selber ein und entscheidet, wie das Bild mit Harmonie und Klang entsteht. Das Bild ist dem Künstler persönlich, aber spricht jeden an, der sich die Zeit nimmt, es einwirken zu lassen.

Ich bitte Sie, die Bilder zu betrachten und mit den Künstlern zu sprechen. Und natürlich die festive Stimmung dieser Veranstaltung zu genießen.

Vielen Dank an die Studenten, die diese Bilder gemalt haben, und an die interessierten Besucher.

William Wires, November 2001