© Prof. Dr. Andreas Solymosi

Andreas Solymosi:

Der Faktor Mensch im Software Engineering

Software Engineering mit Prinzipien aus dem Neuen Testament


"Advice by analogy" ist das Stichwort im inzwischen berühmt gewordenen Arikel von Peter Salenieks [1], in dem er die Parallelen zwischen seinem Beruf (Software Engineering) und seinem Hobby (Bergsteigen) zieht, um daraus Konsequenzen für bessere Vorgehensweisen in der Softwareproduktion zu ziehen. Christ zu sein ist für mich mehr als ein Hobby, ja, sogar mehr als mein Beruf - und vieles habe ich daraus für meinen Beruf gelernt.

Der nachfolgende Artikel dürfte einerseits für diejenigen nützlich sein, die schon positive Erfahrungen mit dem christlichen Glauben gemacht haben und diese gerne in ihren Beruf übertragen möchten. Anderseits können Softwareentwickler von ihm profitieren, die aufgeschlossen dem Neuen Testament gegenüberstehen und wissen möchten, inwiefern seine Prinzipien nicht nur den Sonntag, sondern ihr ganzes Leben betreffen können.


1. Einführung

"Jede von Gott eingegebene Schrift ist auch nützlich zur Belehrung,
zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit;
so wird der Mensch Gottes zu jedem guten Werk bereit und gerüstet sein"
2.Timotheus 3:16-17 [3]

Es gibt Christen, die glauben, daß die Bibel auf alle relevanten Fragen des menschlichen Lebens eine Antwort enthält. Sie möchten aus ihr keine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse ableiten, aber sie blättern darin mit Erfolg, wenn es um Fragen von zwischenmenschlichen Beziehungen, um existentielle Probleme oder persönliche Angelegenheiten geht.

Genauso wenig wäre es angebracht, Methoden für Modularisierung oder die richtige Stukturanalyse in der Bibel zu suchen. Aber bekanntlich spielt der Faktor Mensch im Software Engineering eine herausragende Rolle (s. [2]). So tut der Software-Manager gut daran, wenn er eine Lektion von den Christen gerade auf dem Gebiet nimmt, wo sie am besten sind: Wie man mit Menschen umgeht.

Ich war jahrelang in der überkonfessionellen christlichen Studentenbewegung Campus für Christus in leitender Stellung engagiert. Als Professor für Informatik an der Technischen Fachhochschule Berlin führe ich viele SE-Projekte mit Studenten (wie früher in der Industrie) durch. In diesem Artikel möchte ich das zusammenfassen, was ich als Gemeinsames in diesen beiden Bereichen sehe, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben.

Software Engineering ist eine Mischung aus industrieller Serienfertigung und individuell-kreativer Tätigkeit. Und obwohl sie auch individuell ist, ist sie auch intensiv gemeinschaftlich. Die Komplexität des Ergebnisses gehört zu den höchsten der vom Menschen hergestellten Produkte. Die Software-Technologie bietet zwar Rezepte an, die aber äußert flexibel angewandt werden müssen. Aus diesen Eigenschaften stammen zwei Aspekte, die die zu ziehende Parallele rechtfertigen:

1. Der Erfolg des Vorhabens und die Qualität des Produkt hängen in ungewöhnlich hohem Maße vom persönlichen Einsatz des einzelnen ab.

2. Die gleichzeitige Individualität und Gemeinschaftlichkeit erfordert mehr Kommunikation und bessere Beziehungen im Herstellungsteam als das jede andere Industrieproduktion.

Persönlich dahinterstehen, miteinander auskommen, kommunizieren, Gemeinschaft bauen - das sind Begriffe, mit denen gerade Christen viel zu tun haben.

2. Das Menschenbild als Basis

"Gott schuf den Menschen nach seinem Bild"
Genesis (1.Mose) 1:27 [3]

Wenn wir den Aspekt Mensch beim Software Engineering untersuchen, müssen wir uns Gedanken machen, wer der Mensch eigentlich ist. Die Bibel gibt dazu viele Anhaltspunkte.

2.1. Der Mensch ist wertvoll

"Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab,
damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat"
Johannes 3:16 [3]

Vielleicht das Wichtigste, was die Bibel über den Menschen aussagt: Er ist wertvoll. So wertvoll, daß Gott für ihn sein Liebstes hingab: Seinen Sohn Jesus Christus. Jeder Mensch wurde vom schöpfenden Gott mit einem auf ihn zugeschnittenen Plan für sein Leben, mit dem bestmöglichen für ihn, ausgedacht. Dieses Vorhaben wird von Gott mit dem Wunsch begleitet, ihn im Leben des Menschen zur Erfüllung zu bringen. Seine Liebe motiviert und seine Allmacht befähigt ihn dazu. Er wartet nur auf das Einverständnis des Menschen.

Nicht nur bei christlichen Aktivitäten, sondern auch in einem Softwareprojekt ist es ratsam, dieses Prinzip zu verwirklichen. Es gibt immer Beteiligte, die einem für die Sache mehr oder weniger wertvoll vorkommen. Die Be- und Verurteilung aufgrund von Leistung, Fähigkeiten oder persönlichen Eigenschaften ist in unserer Gesellschaft selbstverständlich. Das biblische Menschenbild spricht klar dagegen. Vielleicht ist es auch in einem Entwicklungsteam nützlich, sich danach zu orientieren?

Ich erinnere mich, in einem Industrieprojekt hatten wir einen etwas sonderbaren Mitarbeiter. Er hatte Theaterwissenschaften studiert, wurde dann zum Programmierer umgeschult; sein Programmierstil ließ einiges zu wünschen übrig. Das Kaffeetrinken war schon lange zu Ende, als er immer noch über gesellschaftliche Ungerechtigkeiten diskutierte; die anderen hätten schon gerne weitergearbeitet. Ich war sehr geneigt, ihn in eine gewisse Schublade zu stecken, also ihn für das Projekt als nicht allzu wertvoll anzusehen. Ich habe ihn in seiner Eigenart trotzdem angenommen und ihm Möglichkeiten gegeben, sich zu bewähren. Wie groß war dann mein Erstaunen, als er dann vor dem Meilenstein die meisten Überstunden gemacht hat! Seine ausgeglichene Gemütlichkeit hat unter dem Termindruck deutlich zur einsatzfreudigen Teamatmosphäre beigetragen.

2.2. Stärken und Schwächen des Menschen

Die Bibel - im Einklang mit unseren Erfahrungen - berichtet darüber, daß Gott die Menschen verschieden gemacht hat, auch mit verschiedenen Stärken und Schwächen.

2.2.1. Gaben

"Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes,
jeder mit der Gabe, die er empfangen hat"
1.Petrus 4:10 [3]

Das Neue Testament bezeichnet die besonderen Fähigkeiten der Menschen als Gaben. Das obige Zitat zeigt, daß jeder, ohne Ausnahme, solche Gaben besitzt.

In jedem Projekt mit mehreren Beteiligten ist es wichtig, die Gaben und Fähigkeiten der einzelnen kennenzulernen. Hier meine ich nicht nur das Fachwissen, sondern auch Neigungen und Interessen.

Es ist beispielsweise üblich, daß Entwickler über ihre Produkte referieren. Wenn das vor dem eigenen Team geschieht, geht das meistens noch, aber wenn einige das vor Außenstehenden (etwa für Benutzer) tun müssen, kommen oft qualvolle Versammlungen zustande. Manch anderer produziert brilliante Vorträge. Es wäre oft nützlicher, wenn ein begabtes Teammitglied solche Aufgaben von den anderen abnimmt, sich die Sachen erklären läßt und ein wesentlich besseres Referat zusammenstellt, als der geistige Eigentümer könnte.

Dokumentation ist eine Pflichtübung für jeden Software-Entwickler. Auch Studenten schreiben ihre Diplom- und Studienarbeiten. Der eine (vielleicht der Ausländer) drückt sich jedoch etwas schwerfälliger aus; dem anderen fließt es aus den Fingern. Es kostet zwar zusätzliche Kommunikation, erhöht aber die Motivation, wenn das Gros der Dokumentation von dem einen Begabten und nicht von jedem Entwickler einzeln angefertigt wird. Wenn im Studententeam die Arbeit hauptsächlich von einem niedergeschrieben wird, während der andere sich eher beim Programmieren oder beim Referieren einsetzt, ist auch die Note besser, als wenn das Papier aus fünf verschiedenen Teilen besteht.

Es ist also die Aufgabe des Projektleiters, sich Gedanken über die einzelnen Teammitglieder und ihre besonderen Fähigkeiten zu machen. Er braucht Weisheit (auch eine besondere Gabe), um für jeden den richtigen Platz im Projekt zu finden.

2.2.2. Führung als Gabe

"Wer Vorsteher ist, setze sich eifrig ein"
Römer 12:8 [3]

Nach dem Neuen Testament ist auch die Führung oder Leitung eine solche besondere Begabung. Es gibt also Menschen, die von Gott mit dieser Fähigkeit dafür geschaffen worden sind, daß sie andere in verschiedenen Aufgaben leiten. Dies hat seine Bedeutung sowohl im Leben einer christlichen Gemeinschaft wie auch im Geschäftsleben. Leider entscheiden oft (auch unter Christen) über Führungspositionen nicht die Befähigung, sondern andere Gesichtspunkte: Geld, Beziehungen, Machtsucht.

Ich habe einmal in einem Softwareentwicklungsprojekt einen jungen, hervorragenden Leiter erlebt (er war übrigens ein überzeugter Atheist). Ich fragte ihn, ob er wohl irgendwelche Managerkurse besucht hätte, weil ich bei ihm genau das immer wieder erkannte, was ich nur nach jahrelanger Ausbildung und Erfahrung wußte. "Nein," sagte er, "das mach' ich alles danach, wie es mir richtig scheint." Ein Beispiel für ein Naturtalent in Sachen Führung. Leider waren bei weitem nicht alle meine Vorgesetzten von der Art.

Die Verantwortung der Wirtschaftsführer, die richtigen Projektleiter zu finden und einzusetzen, ist unübersehbar. Aber wer selber durch ein oder zwei Projekte mit mäßigem Erfolg sieht, daß er die Fähigkeit zur Führung nicht hat, sollte sich lieber in anderen Bereichen einsetzen, auch wenn es sich manchmal finanziell weniger rentiert. Auf lange Sicht kommt doch mehr heraus.

2.2.3. Ermutigung

"So ermuntert nun einander ..."
1.Thessalonicher 5:11 [3]

Ermutigung ist einerseits eine besondere Gabe (es gibt Menschen, deren Hauptaufgabe in der christlichen Gemeinschaft es ist, andere in ihren Verantwortungen zu ermutigen), anderseits aber auch der Aufgabe von jedem Christen. Somit liegt es auf der Hand, daß christliche Leiter Aufgaben mit einer positiven Erwartung und ermutigenden Haltung zu vergeben haben.

Die Software wird üblicherweise komplexer, die Softwareentwicklung komplizierter als vorgesehen. Die Frustration über die scheinbar unerfüllbare Aufgabe führt zu Entmutigung, Entmutigung erzeugt Demotivation, Demotivation geringere Leistungsfähigkeit, daraus stammt neues Versagen und neue Frustration. Dieser Teufelskreis kann durch Ermutigung durchbrochen werden. Wenn jemand mit seiner Aufgabe nicht zurechtkommt und ein anderer aus dem Team (manchmal der Teamleiter) sich mit ihm hinsetzt, um das Problem gemeinsam zurechtzubiegen, kann er nur selten sachlich-inhaltlich Wesentliches beitragen. Manchmal findet er eine Kleinigkeit, die den Steckengebliebenen weiterbringt, aber viel wichtiger ist der Aspekt der Ermutigung: Der Betroffene fühlt sich mit dem Problem nicht alleingelassen, in der Diskussion stellt er fest, daß er doch mehr davon versteht, als er gedacht hat - jedenfalls mehr, als der andere, der in einem ganz anderen Bereich arbeitet. Indem er ihm den Sachverhalt erklärt, bekommt er neuen Auftrieb, sich mit dem Thema zu beschäftigen, und die Aufmerksamkeit des anderen signalisiert ihm Anerkennung. Ermutigung ist die Folge, Ausbruch aus der Krise.

Ich mußte mal recht kompliziert generieren: Ein Programm schreiben, das ein Makro generiert, welches ein anderes Makro generiert, das schließlich das fertige Programm generiert. Ein recht komplexes Vorhaben, kein Wunder, daß ich irgendwo durcheinanderkam. Ich wollte aufgeben, als ein anderer (der meinen Generator-Generator-Generator brauchte) sich mit mir hinsetzte und sich das ganze anhörte. Obwohl er kaum den Durchblick bekam, schwärmte er beim anschließenden Kaffeetrinken vor dem ganzen Team, was für eine tolle Idee ich mit der dreifachen Generierung hatte - ich konnte gar nicht anders, als mein Werk fortzuführen und zu vollenden. Ich konnte darüber sogar eine Publikation herausgegeben.

2.3. Vertrauen als Basis für Beziehungen

"So viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht,
Kinder Gottes zu werden, die an seinem Namen
glauben"
Johannes 1:12 [3]

Das Schlüsselwort für das Verstehen der christlichen Botschaft ist Glaube. Im Johannesevangelium steht auch: "Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben" (3:36, [5]). Paulus betont im Epheserbrief 2:8 [3]: "Aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet".

Viele interpretieren das Wort Glauben als Gegenstück zum Wissen; was man nicht wissen kann, das glaubt man halt. Ich hatte früher, als überzeugter Marxist, auch den christlichen Glauben als Volksverdummung angesehen, etwas für die Schwachen, die Nichtwissenden, nichts aber für Wissenschaftler wie mich.

Das biblische Verb glauben bedeutet jedoch etwas ganz anderes. Auf griechisch (die Originalsprache des Neuen Testaments) heißt es pistoió, abgeleitet vom Wort pistós, treu, vertrauenswürdig (s. [6]). Glauben heißt in der Bibel also so viel wie vertrauen, sich auf etwas verlassen. Der Christ, der an Gott glaubt, verläßt sich auf seine Versprechen, die er durch Jesus Christus gegeben hat, auf seine Liebe, wodurch er für ihn das Beste will, und auf seine Allmacht, wodurch er dieses Beste auch verwirklichen kann.

Dieser Glaube (dieses Vertrauen) ist die Basis für die persönliche Beziehung des Gläubigen zu Gott. Und genau so eine Art von Vertrauen kann auch die Beziehungen eines Christen zu anderen Menschen prägen. Menschen sind zwar weniger vertrauenswürdig als Gott, aber ein Christ kann mit der Hilfe Gottes dem ihm entgegengebrachten Vertrauen gerecht werden. Auf dieser Basis können Christen untereinander neue Art von Beziehungen, ein erneuertes Ehe-, Familien- und Gemeinschaftsleben erfahren. (Sie tun das leider nicht immer, aber das ist jedermanns eigene Entscheidung; Gott zwingt ja keinen, auch nicht zum Gutestun).

Nach den verwöhnten Jahren in der christlichen Studentenbewegung war es für mich manchmal ein Schock, wieder in der rauhen Welt zu arbeiten, wo solche Beziehungen keine Selbstverständlichkeit sind. Ich habe jedoch erfahren, daß es überall möglich ist, Vertrauen aufzubauen. Sei das zu meinen Studenten, sei das in einem Entwicklungsteam: Wer mir vertraut, dem kann ich auch eher vertrauen. Mein Vertrauen wird zwar oft enttäuscht und auch mißbraucht (besonders wenn Studenten Klausuren schreiben, oder in Geldsachen), hier habe ich aber als Christ einen Vorteil: Ich bin nicht von Menschen abhängig, sondern nur von Gott. Nichtsdestotrotz lohnt es sich für die Effektivität meiner Arbeit, das Vertrauen derer, mit denen ich zusammenarbeite, zu gewinnen.

2.4. Der ganzheitliche Mensch

"Gott ... bewahre euren Geist, eure Seele und euren Leib unversehrt ..."
1.Thessalonicher 5:23 [3]

Die Bibel stellt den Menschen als eine Einheit aus Leib, Seele und Geist dar. Seine physikalischen Eigenschaften erscheinen im Körper, durch seine geistliche Komponente kann er seine Beziehung zu Gott pflegen. Er trägt jedoch die Züge seiner Persönlichkeit in seiner Seele, bestehend aus Verstand, Gefühl und freiem Willen. Die Heilige Schrift kennt auch andere Personen, die zwar keinen Leib besitzen, wohl aber Verstand, Gefühl und Wille; so z.B. auch Gott, der Vater.

Es ist offensichtlich, daß Gott sich um alle Aspekte der menschlichen Person kümmert. Viele Versprechen beziehen sich auf das leibliche Wohlergehen, andere auf das seelische (Weisheit, Freude, usw.) - ganz zu schweigen vom geistlichen, vom ewigen Leben, also von der ewigen Gemeinschaft mit Gott (das übrigens nicht erst mit dem Tod anfängt, sondern mit dem Augenblick, wo sich der Mensch für das Leben mit Gott entscheidet, wo er sich ihm anvertraut - wo er eigentlich Christ wird).

In Ausbildungsprogrammen für christliche Führungskräfte ist ein häufig erwähnter Aspekt, daß der Verantwortliche (z.B. Pfarrer in der Gemeinde) nicht nur die zu erledigende Arbeit (z.B. Gestaltung des Kindergottesdienstes) delegiert, sondern sich auch um den gesamten Menschen kümmern soll, der diese Aufgabe übernimmt. Der Kindergottesdienst wird - zumindest langfristig - nicht richtig laufen, wenn der Verantwortliche z.B. mit Eheproblemen zu kämpfen hat oder nicht seinem Gesundheitszustand entsprechend lebt.

Vielleicht soll der Projektleiter für Softwareentwicklung seinen Teammitgliedern gegenüber nicht unbedingt wie ein Seelsorger auftreten, aber er sollte in manchen Aspekten ihres Lebens auch außerhalb des Projekts durchaus beteiligt sein.

Im schon erwähnten Team mit dem atheistischen Leiter waren Spielabende, gemeinsames Ausgehen, Feiern und Spaziergänge an der Tagesordnung. Bald ist es auch über die Themen Auto, Urlaub und Fußball hinausgegangen. Wir konnten dabei die Ehepartner der anderen kennenlernen, Einblick in das außerbetriebliche Leben des Kollegen gewinnen, das Denken des anderen verstehen, wir konnten einander Probleme mitteilen. Das Ergebnis war eine Teamatmosphäre, wie man sie selten erlebt.

Damals hatte ich immer wieder Ärger mit der Pförtnerin, weil ich den Besucherparkplatz benutzte, der für Mitarbeiter des Betriebs gesperrt war. Ich war jedoch keiner, auch wenn ich als externer Berater regelmäßig kam. Nach der x-ten Konfrontation habe ich es dem Teamleiter gegenüber erwähnt. Er hat sich sofort an das Telefon gesetzt und gut 10 Minuten damit verbracht, mir einen Parkplatz zu besorgen. Das Ergebnis an der Pforte war: "Guten Tag, Herr Professor, jawohl, Herr Professor". Und ich war dann gerne willig, auch während der Vorlesungszeit von Berlin nach München zu fliegen, um meine Beratungstätigkeit im Projekt abzuschließen.

Noch ein Beispiel aus dem Teamleben bei Campus für Christus: Unser Team bekam eine Ärztin als neue Mitarbeiterin. Monate vorher haben wir uns auf die Wohnungssuche begeben, und vor ihrem Einzug hat das Team ihre Bleibe gemeinsam renoviert. Übrigens, vier Jahre später habe ich sie geheiratet.

3. Miteinander auskommen

"Seid gleichgesinnt gegeneinander"
Römer 12:16 [3]

Die Bibel spricht in erster Linie von der Beziehung zwischen Mensch und Gott, aber fast genausoviel von den Beziehungen der Menschen untereinander. Da Software Engineering per Definition bei der Zusammenarbeit mehrerer Menschen notwendig ist, muß dieser Aspekt auch betrachtet werden.

3.1. Teamarbeit

"Einer trage des anderen Last"
Galater 6:2 [5]

Der synergetische Effekt ist sowohl in einer christlichen Bewegung als auch im Software Engineering nachweisbar: Die Leistung eines gut koordinierten Teams ist größer als die Summe der Leistungen der einzelnen Mitglieder. Teamarbeit wird unter Christen praktiziert: Missionstrupps von damals (Paulus und Co.) wie heute (Campus für Christus und andere) machen positive Erfahrungen damit.

Im Software Engineering ist es selbstverständlich, von Teamarbeit zu sprechen. Dieser Begriff beinhaltet aber mehr als eine gut koordinierte Aufteilung der Aufgaben und dann Zusammenführung der einzelnen Komponenten.

Das Team von Campus für Christus, das einer Uni zugeordnet war, setzte sich jede Woche für eine 2 bis 3-stündige Mitarbeiterbesprechung zusammen. Jeder hatte zwar seine eigene Aufgabe und seinen eigenen Bereich, es wurde jedoch nicht nur die gemeinsamen Projekte, sondern auch die Aktivitäten des einzelnen ausführlich diskutiert. Obwohl die Aufgaben verteilt wurden, war alles jedermanns Sache. Nicht nur, daß wir füreinander gebetet haben, sondern wir waren auch bereit, bei Engpässen einzuspringen, Aufgaben voneinander zu übernehmen und den anderen mit guten Ideen zu versorgen.

Ähnlich sollte es in einem Software-Projekt aussehen. Hier spielt Gebet zwar selten eine Rolle (obwohl ich das manchmal gewünscht hätte), aber das gemeinsame Anliegen ist wichtig. Wegen der Interaktionsintensität der einzelnen Komponenten in einem Softwareprodukt ist es sowieso notwendig, daß die Teammitglieder von den Entwicklungen auch außerhalb ihres Bereichs rechtzeitig und ausführlich informiert werden. Aber wenn darüber hinaus auch echtes Interesse an der Arbeit des anderen besteht, wenn man in allen Bereichen wirklich mitdenkt und notfalls auch mitarbeitet, kommen deutlich bessere Lösungen zustande als wenn nur der Projektleiter den Gesamtüberblick besitzt. Dazu ist aber eine Teamatmosphäre und ein hohes Motivationsniveau notwendig, die bewußt aufgebaut und gepflegt werden müssen.

Einem negativen Beispiel bin ich in einem Studentenprojekt begegnet. Als die Komponente eines Teilnehmers integriert wurde, brach das System zusammen. Obwohl der Betroffene nachweisen konnte, daß seine Programmteile gar nicht ausgeführt wurden, gab ihm jeder die Schuld; er sollte den Fehler suchen. Das Projekt ruhte zwei Wochen lang, der Student verbrachte Nächte, bis er den Fehler in der Systemkonstruktion fand, weit weg von seinem Modul. Ein Brainstorming hätte den Fehler in 10 Minuten zutage gebracht.

3.2. Autorität und Vertrauen

"Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen"
Römer 8:28 [5]

Ein wesentlicher Aspekt der Teamarbeit ist Autorität. Hier haben sowohl christliche Leiter wie auch Wirtschaftsmanager oft mit einem deutschen Trauma zu kämpfen: Weil Autorität, Macht im dritten Reich mißbraucht wurden, wird sie allgemein als etwas Negatives abgetan.

Die dem biblischen Verständnis entsprechende, auf Vertrauen basierende Autorität ist jedoch etwas ganz anderes. Gott hat Autorität über den Menschen, weil der Mensch sich ihm anvertraut. Gott nutzt seine Macht - gemäß der obigen Bibelstelle - zum Besten des Menschen, und so sollten es Menschen miteinander auch tun. Verantwortungsbewußtsein, oder noch besser Verantwortungsfähigkeit, ist eine Voraussetzung für die richtige Handhabung von Macht und Autorität.

Menschen können zwar - im Gegensatz zu Gott - Macht mißbrauchen, dazu müssen sie aber das Vertrauen enttäuschen. (Christen tun das auch manchmal, in der Wirtschaft steht es auf der Tagesordnung.) Trotzdem, ohne Autorität funktioniert kein Projekt, wie das auch manche parlamentarischen Experimente heutzutage beweisen.

Eine meiner Vorlesungen über Prädikatenlogik lief in den Anfängen schief. Die Studenten hielten das Fach sowieso für überflüssig, und ich konnte keine Autorität aufbauen. Ohne sie gelangen meine Vorlesungen nicht. Es gab schließlich eine Durchfallquote von fast 50% und große Unzufriedenheit allerseits.

In einem Softwareprojekt ist es auch unabdingbar, daß die Entwickler Vertrauen in das Können der Projektleitung und des Firmenmanagements setzen, daß diese bewußt Autorität aufbauen und dieser gerecht werden. Die Motivation bleibt weitgehend auf der Strecke, wenn alles nur gemacht wird, weil man dafür bezahlt wird, nicht aber aus der Überzeugung, daß das Ergebnis etwas Gutes sein wird, worauf man auch stolz sein kann. Eine ausschließlich finanzielle Motivation ist wesentlich geringer als eine sozial-individuell ausgerichtete.

Es ist unter Software-Spezialisten üblich, über die Unzufriedenheit mit dem Management oder den Hardware-Leuten zu reden. Hier müßte man eine gesunde Selbsterkenntnis wecken: Im Management- oder Hardware-Bereich tauchen Gesichtspunkte auf, die für die Software-Spezialisten unbekannt sind. Diese können zu Entscheidungen führen, auf die diejenigen, die sich in diesem Bereich nicht auskennen, mit Unverständnis reagieren. Autorität hilft an dieser Stelle.

Einmal kam eine für Software-Ingenieure katasrophale Anweisung Management: Der Modultest vor dem Meilenstein sollte gestrichen werden, es sollte sofort integriert werden, um den Termin halten zu können. Offensichtlich kam dadurch Mehraufwand zustande, und nur ein autoritatives Wort konnte die Entwickler zu diesem Verhalten bringen. Der Hintergrund wurde erst nachher klar, als bei der Vorführung auch die Presse präsent war: Sie war über das Projekt hergefallen, ein nach außen sichtbarer Mißerfolg hätte gar die gesamte Weiterfinanzierung gefährdet.

3.3. Zwischenmenschliche Probleme

"Seht zu, ... daß keine bittere Wurzel wächst und Schaden stiftet und durch sie alle vergiftet werden"
Hebräer 12:15 [3]

Christen sagen: "Besser sind wir nicht, aber besser sind wir dran." Sie meinen damit, daß ein Christ auch nicht perfekt ist, er hat aber eine Lösung für seine Mängel: Jesus Christus, der die Konsequenzen seiner Sünde getragen hat.

Probleme in den zwischenmenschlichen Beziehungen, deren Quelle im Endeffekt der in uns allen vorhandene Egoismus ist, sind unter Christen genauso an der Tagesordnung wie in einem Entwicklungsteam. Neid, Faulheit, Ungerechtigkeit - menschliche Eigenschaften, die nicht nur das gemeinsame Streben zum gemeinsamen Ziel verhindern, sondern auch dem einzelnen das Leben schwer machen, seine Lust nehmen, die Motivation drücken.

Gott geht es mit dem Menschen ähnlich. Die (aktive oder passive) Auflehnung des Menschen gegen ihn, seine Untreue, Ungerechtigkeit und Egoismus - all das, was die Bibel als Sünde bezeichnet - bewegen ihn eigentlich, alles mit dieser Welt sein zu lassen. Wenn er aus seiner Liebe zum Menschen nicht vergebungsbereit wäre, könnte die ursprüngliche Vertrauensbeziehung nicht wiederhergestellt werden. Aber die Mission Jesu Christi, die Vergebung Gottes dem Menschen zu bringen, macht die Versöhnung möglich.

Zur Vergebung gehören zwei: der Vergebende und der Schuldige. Von dem einen ist Vergebungsbereitschaft nötig, vom anderen die Anerkennung seiner Schuld. Gott hat seinen Teil durch Jesus Christus getan; der Mensch, der seine Sünde anerkennt und die Vergebung annimmt, kann die Versöhnung mit Gott und die Gemeinschaft mit ihm erleben.

In einem Entwicklungsprojekt saß mal ein besonders schnelldenkender junger Mann. Wegen seiner Fähigkeit, Überblick über komplexe Angelegenheiten zu verschaffen, bekam er die Aufgabe, die Projektdatenbank zu pflegen. Er jonglierte mit erstaunlicher Leichtigkeit mit den recht komplexen Zerlegungen und Beziehungen im System, und die Leistungsfähigkeit der Entwicklungsumgebung wuchs von Tag zu Tag. Allerdings paarte sich seine Schnelligkeit mit Fehleranfälligkeit: Es rutschten immer wieder grobe Mißkonzeptionen und falsche Datenbankeintragungen hinein, zum Leidwesen der anderen Entwickler. Es entstand mit der Zeit eine böse Stimmung (eine bittere Wurzel) gegen ihn, und am Projektmeeting wurde er oft destruktiv kritisiert. Dies führte dazu, daß er demotiviert aufgab und die Verantwortung von seinem schärfsten Kritiker übernommen wurde. Als dieser aber selbst nach einem Monat mit der Aufgabe noch nicht zurechtkam und sich immer wieder an ihn wenden mußte, hat er seine Leistung anerkannt. Es kam zu einer Versöhnungsszene: Das Team hat - auf amerikanische Weise - eine Überraschungsparty für seinen Geburtstag insziniert, die Kritiker haben um Vergebung gebeten, wozu er auch bereit war. Er setzte sich mit seinem alten Elan an die schwierige Aufgabe. Es sei noch zu bemerken, daß die Party von einem Christen initiiert wurde, der von der Bedeutung der Vergebung und Versöhnung aus seiner Erfahrung mit Gott wußte.

Zwischenmenschliche Probleme sind nicht nur in jedem Software-Entwicklungsteam zu erwarten, sondern überall, wo Menschen miteinander arbeiten. Wegen der ungewöhnlich intensiven Zusammenarbeit bei der Softwareproduktion hat aber dieser Aspekt eine besonders wichtige Bedeutung. Vergebung ist der Schlüssel für die Lösung. Sie ist eine Münze mit zwei Seiten: sie setzt sich aus Vergebungsbereitschaft einerseits und Anerkennung der Schuld andererseits zusammen. Natürlich sind nicht immer alle dazu fähig und bereit. Notfalls kann ein anderer (am besten der Teamleiter) ein "seelsorgerliches Gespräch" mit denen führen, die von mangelnder Versöhnungsbereitschaft besonders betroffen sind.

4. Führen nach christlichen Prinzipien

"Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein"
Markus 10:43 [3]

Das Wort führen, ähnlich wie Autorität, ist in Deutschland ein belasteter Begriff. In anderen Kulturkreisen, wie auch im neutestamentlichen, ist es absolut selbstverständlich, daß der Erfahrenere (im allgemeinen der Ältere) den Neuling in seiner Tätigkeit führt, ihm sagt, was er zu tun hat. Bei uns wird dies nur durch Geld gerechtfertigt: Wer zahlt, hat das Sagen. Wie wir aber gesehen haben, ist dies weder unter Christen noch bei der Softwareherstellung eine ausreichende Motivation. (vgl. [2])

Das Neue Testament liefert hier jedoch ein völlig neues Verständnis, indem Jesus Leiterschaft mit Dienen identifiziert.

Wenn die Studententeams die Aufgabe lösen, ein Projektmodell zu entwickeln, sollen sie auch die Rollenverteilung untereinander entscheiden. Es ist erstaunlich, wie oft sie sich dagegeben streuben, einen Projektleiter zu ernennen, selbst wenn der eine (z.B. der das Projektthema erfunden hat) die Leiterrolle schon offensicht eingenommen hat. Ich muß das als Sprecher umdefinieren, oder aber ausführlich erklären, was ich unter Leiter meine.

4.1. Definition

Nach dem Ausbildungshandbuch [7] für christliche Führungsaufgaben ist Führen ein Lebensstil, der andere befähigt, die ihnen anvertrauten Aufgaben richtig auszuführen. Im selben Handbuch lautet die Definition: ein Leiter ist derjenige, der ein klares Ziel hat und fähig ist, andere zu diesem Ziel zu bringen. Diese Definitionen beinhalten also den Aspekt der Ganzheitlichkeit, Zielorientiertheit, Befähigung, Lebensstil und manches anderes.

4.2. Ersetzbarkeit

"Was du ... von mir gehört hast, das vertraue zuverlässigen Menschen an, die fähig sind, auch andere zu lehren"
2.Timotheus 2:2 [3]

Es ist ein allgemeines Bestreben des Menschen, sich unersetzbar zu wissen. Der Gedanke, "Ich werde gebraucht", gibt einem Selbstwertgefühl. Dies führt aber oft zum Festkleben an einer Verantwortung. Kennen wir nicht alle die Software-Bürokraten, die vor 20 Jahren eine Vorgehensweise für Softwarenetwicklung definiert haben? Weil sich niemand mit dem dazugehörigen Werkzeugprogramm richtig auskennt, sind sie dafür verantwortlich, daß jeder genau nach den von ihnen festgelegten Schritten die Programme schreibt. Sie sitzen unersetzbar in dieser Machtposition.

Die Software-Branche darf sich angesichts ihrer dynamischen Entwicklung (die mit der Ausbreitung des christlichen Glaubens im ersten Jahrhundert zu vergleichen ist) so etwas nicht leisten. Hier sollte jeder daran arbeiten, sich selbst durch seinen Nachfolger ersetzen zu lassen, damit er höhere Verantwortung übernehmen kann.

Bei Campus für Christus ist dies an der Tagesordnung. Nach der zweijährigen Ausbildung übernahm ich die Verantwortung für eine Unigruppe von meinem Ausbilder, der seinerseits eine neue aufbauen wollte. Zwei Jahre später konnte ich die Aufgabe einem Nachfolger abgeben und wurde selber für ein ganzes Bundesland verantwortlich. Nach zwei weiteren Jahren ging ich ins Ausland, um dort die Bewegung aufzubauen, was ich nach zwei Jahren wiederum weitergeben konnte.

Die Möglichkeiten, im Bereich der Softwareentwicklung Karriere zu machen, sind ähnlich. Ich bekam einmal eine Studienabgängerin als Assistentin. Mein erster Gedanke war, ihr die Schmutzarbeit zu überlassen: Wochenberichte schreiben, Arbeitszeiteinträge verrechnen, Tippfehler in der Dokumentation korrigieren, Schreibtisch aufräumen und Ablagen verwalten. Dann würde ich aber auch heute noch in dem Projekt sitzen. Statt dessen gab ich ihr bewußt solche Aufgaben, die sie dazu führten, daß sie sich schon nach einigen Wochen recht gut in meinem Bereich auskannte. Kein halbes Jahr verging, als sie meine Aufgabe vollständig übernahm, und als mir eine Professorenstelle angeboten wurde, konnte ich problemlos aus dem Projekt aussteigen.

Software-Entwickler sollten sich - angesichts der wachsenden Bedürfnisse - höher qualifizieren, wozu auch gehört, daß sie sich ersetzbar machen. Wenn jeder das praktiziert, dann ist die persönliche Karriere vorprogrammiert, und die immer mehr und größer werdenden Aufgaben können erledigt werden.

4.3. Personenorientierte Ziele

"Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich nach dem, was vorne ist und jage nach dem vorgesteckten Ziel"
Philipper 3:13 [5]

Wie Paulus in urchristlichen Zeiten, jagt der Bergsteiger in [1] dem vorgesteckten Ziel nach, ebenso der Mitarbeiter der christlichen Studentenbewegung und auch der Software-Ingenieur. Das Gemeinsame ist dabei die Unerreichbarkeit des Ziels mit einem Schritt, die Notwendigkeit, den Weg dorthin auf Etappen aufzuteilen. Meilensteine sind nötig im Projektplan und in der Betreuung von Seelsorgefällen. Schritt für Schritt können Studenten zu neuen Aufgaben heranwachsen, aber auch Programmierer mit einer dreimonatigen Schnellausbildung zu richtigen Software-Entwicklern.

Der Verantwortliche muß hierbei ein klares Konzept aufstellen, das Schritt für Schritt zum vorgegebenen Ziel führt.

Der von Campus für Christus entwickelte Rhetorikkurs ist ein gutes Mittel zur Befähigung der Studenten, auch vor größerem Publikum als Christen Stellung zu beziehen oder bei Veranstaltungen Vorträge zu halten. Das Wesentliche dabei ist, daß sie ihre Hemmungen beim Reden verlieren: Der Kurs führt schrittweise dazu. Die Teilnehmer stehen zuerst an ihrem Platz auf und nehmen die Grundhaltung ein. Dann stellen sie sich einzeln vorne hin und schweigen eine Minute lang. Anschließend nehmen sie Augenkontakt mit dem Publikum auf, wählen einen aus und sprechen einen Satz zu ihm. Dann bekommen sie einen Text, den sie alleine üben, danach in einem kleinen Kreis, wo sie ausgewertet werden. Der nächste Schritt führt sie vor das Videogerät. Und so weiter, bis zur Stehgreifrede und "Parlamentsdebatte". Es ist erstaunlich, wie leicht jeder Schritt zum nächsten und wie groß der zurückgelegte Weg ist, wenn er nur auf das Ziel hin ausgerichtet ist.

In einem Software-Projekt werden Anfänger oder Einsteiger normalerweise mit einer leichteren Aufgabe betraut. Welche aber für diesen Zweck geeignet ist, das soll sich der Leiter gut überlegen. Folgende Fragen können ihm dabei behilflich sein:

1. Wo will ich ihn im Projekt einsetzen?
2. Wie kann ich ihn dazu führen?
3. Wo steht er?
4. Was ist der nächste Schritt, der ihn zum Ziel hinführt?

Als ich die schon erwähnte Assistentin bekommen hatte, schwebte mir schon vor Augen, daß ich ihr langfristig meine ganze Aufgabe anvertrauen wollte. Da sie unser Betriebbsystem von ihrem Studium her gut kannte, aber die Projektumgebung überhaupt nicht, gab ich ihr als erstes eine einfache Aufgabe, ein Shell-Script (Batch-Prozeß) zu erstellen, mit dem Systemkomponenten hin- und herbewegt werden konnten. Es war zwar nicht allzu wichtig, so etwas zu haben, die Entwickler haben sich aber gefreut, als es nach zwei Tagen fertig war. Anschließend bekam sie kleine Korrekturen in bestehenden Programmen auszuführen, die schon längst hätten getan werden sollen. Später konnte sie dann auch neue Funktionen dazu programmieren. Vieles hätte ich schneller alleine machen können, anstatt ihr alles zu erklären. Aber langfristig war das eine lohnende Investition: Ohne meine Bemühungen hätte sie meine Aufgabe nicht so bald übernehmen können.

4.4. Lebensstil

"... euch nicht allein das Evangelium Gottes, sondern unser eigenes Leben mitzuteilen"
1. Thessalonicher 1:8 [3]

Man kann natürlich, wie es heute üblich ist, eine klare Trennung zwischen Berufs- und Privatleben ziehen. Ein christlicher Leiter kann dadurch unglaubwürdig wirken. Einem Projektleiter nimmt das niemand übel; aber Erfahrungen zeigen, daß die Öffnung seines Privatlebens vor den Geleiteten wesentlich zur Teamatmosphäre beiträgt, was wiederum dem Erfolg und der Qualität guttut.

Führen ist keine einmalige, punktuelle Angelegenheit, sondern eine kontinuierliche. Es kann erfolgreich praktiziert werden, wenn man zum Ausdruck bringt: Meine Leute haben für mich hohe Priorität, ich bin bereit, Zeit für sie zu opfern; sie dürfen mich stören. Wenn sie merken, daß ich mir Gedanken über sie mache, werden sie sich viel mehr führen lassen, als wenn Führen eine Nebensächlichkeit für mich ist.

Lebensgemeinschaften sind im christlichen Bereich keine Seltenheit: Junge Leute, die an einem Projekt (z.B. mit Drogenabhängigen) arbeiten, leben in einer Wohngemeinschaft zusammen. Sie haben ihre Wurzel in den Orden und Bruderschaften.

Hochbezahlte, meist militärische Softwareprojekte können sich auch leisten, familienlose Berufssoldat-Softwarespezialisten in einem gemieteten, abgelegenen Berghotel für ein halbes Jahr zum vollen persönlichen Einsatz zu bringen. Unsere alltägliche Projekte können höchstens Schritte in die Richtung tun. Die Öffnung der Privatsphäre aber sollte über Gespräche beim Kaffeetrinken hinausgehen.

Ein von mir geleitetes Team bestand größtenteils aus Mitgliedern junger Familien, mit Kindern in annähernd ähnlichem Alter. Nach einigen gemeinsamen Freizeitunternehmungen war es selbstverständlich, daß gegen Ende des Projekts, wo wir unter Druck arbeiten mußten, meine Frau auf das Kind einer Kollegin aufgepaßt hat, oder daß sie - da ich meine Familie öfters am Wochenende alleine lassen mußte - bei der Ehefrau eines Mitentwicklers saß.

Ich bin stolz auf meine Frau. Es ist meine Erfahrung, daß, wo ich sie vorstelle, meine Autorität wächst. Sie hat vor meinen Studenten auch ein Seminar für effektives Studieren gehalten. In meinem Vorlesungen berichte ich über die Entwicklung meiner Kinder. Daß ich Christ bin, weiß sowieso jeder. Und - was mir manchmal schwer fällt, - ich erzähle auch über meine Probleme, Schwierigkeiten, Verzweiflungen. Das Ergebnis ist, wie es mir zumindest scheint, daß die Menschen mir vertrauen, gerne zuhören, ich kann ihnen etwas sagen - ich kann sie führen. Es ist dann meine Verantwortung vor Gott, diese Macht über sie zu ihrem Gunsten zu gebrauchen.

4.5. Betreuung

"Ich werde euch zu Menschenfischern machen"
Matthäus 4,19 [3]

Bevor Jesus seinen Jüngern den Auftrag gegeben hatte, die Gute Nachricht (auf Griechisch: Euangelion) in die Welt zu tragen, hat er drei Jahre mit ihnen verbracht und sie ausgebildet, "Menschenfischer" zu werden. Der Weg dazu bestand aus vielen Einzelschritten, aus kleineren Aufgaben und Aufträgen. Im Neuen Testament kann das jeder nachlesen.

Ebenso heute. Wenn ein Leiter eine Aufgabe vergibt, sollte er das nicht tun, um Arbeit abzuschieben, sondern um dem Beauftragten eine neue Chance zu geben. Dazu gehört auch, daß der Leiter sich voll einsetzt, ihm darin zu helfen, ihn dazu zu befähigen. Dieses besteht aus den folgenden Schritten, die im Zyklus anzuwenden sind:

1. Schulen
2. Vormachen
3. Beobachten
4. Auswerten

Eine wichtiges Element in der Bewegung Campus für Christus ist, daß die Studenten es lernen, die wesentlichen Inhalte ihres christlichen Glaubens an Interessierte im persönlichen Gespräch weiterzugeben. Die Ausbildung dazu fängt mit der Erarbeitung der biblischen Prinzipien aus der Originalquelle an. Wenn sie das Wesentliche verstanden haben, werden Mustergespräche (als Rollenspiel) vorgeführt. Es ist wünschenswert, daß der Trainee auch echte Gesprächssituationen beobachten kann. Anschließend, wenn sich Gelegenheiten ergeben, soll er einem Interessenten in Anwesenheit seines Trainers das Evangelium erklären. In Rahmen der Auswertung erfährt er dann, was er richtig gemacht hat und an welcher Stelle er das Gespräch besser hätte führen können.

Meine dreisemestrigen Lehrveranstaltungen über Software Engineering fange ich auch mit der Theorie, d.h. mit einem Überblick über die gängigen Methoden und bekannten Werkzeuge, an. Im zweiten Semester beginnen dann die Studenten in Teams mit einem SE-Projekt, das sie im dritten als Studienarbeit abschließen. Bei der Vorbereitung meiner Vorlesung für das 2. Semester kam ich dann zu der Erkenntnis, daß ich um ein eigens durchgeführtes Projekt nicht herumkommen würde. So ersann ich ein Thema, setzte mich Woche für Woche an ProMod (mit welchem auch die Studenten arbeiten müssen) und berichtete über meine Ergebnisse in der Vorlesung. Es war erstaunlich, wie vieles (inklusive meiner Fehler und meines Sprachgebrauchs) mir die einzelnen Gruppen nachgemacht haben! Das meiste davon entdeckte ich erst, als ich mich mit den einzelnen Projektgruppen verabredet hatte, um ihre Fortschritte auszuwerten.

4.6. Transparenz

"Der Sklave weiß nicht, was sein Herr tut; euch aber habe ich Freunde genannt"
Johannes 15:15 [3]

Sowohl in Softwareprojekten wie auch in einer christlichen Bewegung kommt es oft vor, daß man anderer Meinung ist als der Leiter. Wenn man dann nicht einsieht, warum "die oben" zu dieser oder jener Entscheidung gekommen sind, leidet das Engagement darunter. Das Mittel des Leiters, dies zu verhindern, ist Transparenz.

Ich kam einmal zu einem Softwareprojekt, nachdem die wichtigsten Entscheidungen schon getroffen worden waren, unter anderem auch die Implementierungssprache. Es wurde zwischen COBOL und C gewählt, glücklicherweise zugunsten von C. Ich konnte kaum verstehen, wie überhaupt COBOL zur Diskussion stehen konnte. Als ich dann die - sehr transparente - Projektdokumentation las, sah ich, wie schwer diese Entscheidung gewesen war. Hätten wir auf COBOL programmieren müssen, wäre ich wahrscheinlich innerlich sehr dagegen gewesen und hätte die Entscheidung nur aufgrund der Transparenz akzeptieren können. Der Projektleiter half mir auch in anderen strittigen Fragen, den Hintergrund zu verstehen. Somit hat er es erreicht, daß ich mich mit dem Status quo des Projekts 100%-ig identifizieren und mich voll einsetzen konnte.

4.7. Klare Verantwortungsbereiche

Nichts ist demotivierender, als sich Gedanken über eine Aufgabe zu machen, für die man sich verantwortlich fühlt, und Entscheidungen zu treffen, die dann von oben wieder rückgängig gemacht werden. In der Software-Entwicklung sind die Kompetenzbereiche sehr verwickelt; fast alle Entscheidungen betreffen nicht nur einen, sondern alle, oder zumindest die benachbarten Entwickler. Daher muß es klar definiert werden, wer welche Entscheidungen treffen darf. Wenn aber der Kompetenzbereich vergeben wurde, darf nur in Ausnahmefällen von außen eingegriffen werden.

Ich leitete ein Ausbildungsprojekt mit Neuen Medien. Es war dabei eine wichtige Frage, wer wohl der Sprecher am Videoband werden sollte. Neben Eigenschaften wie persönliche Überzeugung, Erfahrung, fachliche Kompetenz und gute Rhetorik, sollte er auch noch über fernsehgeeignetes Aussehen verfügen. Außer diesem letzten sprach alles dafür, mich selbst für diesen Posten zu nehmen. Ich hätte es allerdings ungerne getan, so unternahm ich einige Reisen, um den passenden Mann zu finden. Nachdem mir der Auftraggeber freie Hand gab und ich keinen 100%-igen finden konnte, rang ich mich nach schweren inneren Kämpfen doch zur Entscheidung durch, es selber zu machen. Wie groß war dann meine Enttäuschung, als der Geldgeber doch denjenigen nahm, den ich Monate vorher schon verworfen hatte! Dieser hat es - mangels Überzeugung - ganz miserabel gemacht, und ich identifiziere mich heute nicht mehr mit dem Produkt

5. Zusammenfassung

Der unberechenbare Faktor Mensch ist die Hauptursache für viele Versagen im Bereich der Softwareentwicklung. Das Neue Testament liefert viele Hinweise zum Verständnis, wer der Mensch ist und wie dieser Faktor "in den Griff bekommen" werden kann. Dazu gehört, daß er wertvoll ist, seine Stärken und Schwächen, seine Ganzheitlichkeit und seine Beziehungen zu anderen Menschen. Dieses letztere ist besonders wichtig in der Softwareentwicklung, die ein gemeinschaftlicher Prozeß ist. Diese Gemeinschaft, das Team, muß geeignet geführt werden.

Die den Bedürfnissen des Menschens entsprechende Haltung in der Softwareentwicklung ist eine Voraussetzung für das qualitative Produkt, letztendlich für die Wirtschaftlichkeit.


6. Literatur

[1] Peter Salenieks: Software Development - Advice by Analogy, ACM Sigsoft Jan 1989 Page 56

[2] Peter F. Elzer: Aspekte der Menschenführung bei der Abwicklung von Softwareprojekten
Arbeitsverfahren in der Software-Entwicklung, GMD 1989

[3] Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Paul Pattloch Verlag, Aschaffenburg

[3] Die Heilige Schrift Aus dem Grundtext übersetzt R. Brockhaus Verlag, Wuppertal

[5] Die Bibel nach der Übersetzung von Martin Luther, Österreichische Bibelgesellschaft, Wien

[6] Rienecker: Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament, Brunnen-Verlag, Gießen - Basel

[7] Handbuch für christliche Führungskräfte, Campus für Christus, Gießen


© Prof. Dr. Andreas Solymosi

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